Hach, ist das Leben schön!

Gegen 22:30 gebe ich auf, biege nach links ab und übernachte am Fußballplatz eines kleinen Küstenortes, irgendwo zwischen Aberystwyth und Cardigan. An Stellplätze mit Meerblick ist hier leider nicht zu denken, aber dafür hatten wir eine sehr schöne Fahrt im Abendlicht durch das „Wilde Herz von Wales“, wie die Cambrian Mountains auch genannt werden. Sanfte weite Hochflächen, einsame Moorlandschaften.. wunderschön.

Doch heute steht mir nach anderem der Sinn. In Llantood nahe Cardigan findet das 850. (!) Eisteddfod-Festival statt. Ja wirklich! Seit 850 Jahren gibt es dieses Fest der Musik, Poetik, des Tanzes, der Gemeinschaft und damit ist es das älteste Europas. 1176 rief Lord Rhys auf Cardigan Castle einen Wettbewerb für Dichter und Musiker aus – also so etwas Ähnliches wie der Sängerkrieg auf der Wartburg, nur dass die sich ja in die Haare gekriegt haben, welcher Landgraf besungen werden durfte und es den heute nicht mehr gibt. Das Eisteddfod gibt es – mit Unterbrechungen –  noch und es heißt übersetzt so viel wie Zusammentreffen“. Jedes Jahr zieht das Fest in eine andere Region von Wales um und zum Jubiläum ist es an seinen Ausgangsort zurückgekehrt. Das sieht man schon viele Kilometer vor und nach Llantood. Alle Dörfer sind mit Wimpelketten, Plakaten, walisischen Fahnen und selbstgemachten Aufstellpuppen geschmückt.

Festivalgelände morgens 8:00 Uhr

Das Festival feiert neben Musik, Tanz und Gemeinschaft ausdrücklich die Walisische Sprache, die in Wales noch von ungefähr 18% der Waliser gesprochen wird. Als Jugendlicher kann man sich aussuchen, ob man eine walisische oder englische Schule besucht und hier auf dem Festival ist es Alltagssprache. Da es so gar nichts mit Englisch zu tun hat, verstehe ich natürlich kein Wort, aber dem wird hier mit sehr viel Engagement abgeholfen. Man kann sich Simultanübersetzer ausleihen (so eine Art Headset), überall gibt es QR-Codes mit der englischen Übersetzung und auch das Personal hilft gern mit Englisch aus. Hunderte Freiwillige der Region helfen hier mit und den ersten lerne ich am kostenlosen Parkplatz, der 4 riesige ehemalige Felder umfasst, kennen. Als ich ihn frage, ob ich wegen meines Hunde nahe am Eingang parken könne, schwingt er sich sofort auf sein Quad und lotst mich auf den entsprechenden Parkplatz. Übrigens, Hunde sind auf dem Gelände sehr willkommen, meint er noch und braust  davon.

Nach einem gemütlichen Frühstück machen wir uns auf den Weg und streifen über das unheimlich große Gelände. Hier mal ein Überblick und das ist nur die normale „Maes“, es gibt dann noch eine für junge Leute. Da braucht man aber ein Extraticket.

Wenn man durch den Eingang unten rechts hindurchgeht, kommt man zuerst zu den vielen kleinen Pavillions. Darin befinden sich Geschäfte, Vereine, Präsentationszelte von Schule, Universitäten, Gemeinschaften, Welshe Buchläden und vieles mehr. Und dann sind viele verschiedene Zelte, Bühnen, Pavillion über das gesamte Gelände verteilt, in denen Workshops, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und musikalische Wettbewerbe stattfinden. Ganz hinten links gibt es einen riesigen Gastronomiebereich und rechts Pentref Plant – den Kinderbereich. Morgens ist noch alles ganz leer und ich kann mich in Ruhe orientieren. Luna sucht inzwischen nach den Essensresten von gestern, die noch im Gras liegen🙈

Neben den Zirkuszelten und den großen Bühnen gefallen mir vor allem die kleinen Pavillions. Aber zuerst besuche ich die Ausstellung mit Kunstwerken walisischer Maler und die sind zum Teil wirklich schön anzuschauen, lassen mich schmunzeln, oder wie die traurige alte Frau nachdenklich werden. Mein Favorit ist aber der Männerchor – zum Schreien und passend zum Ort. Auf einem Bild ist auch Luna drauf – beinahe!

Als ich wie hinaustrete kommt gerade Lord Rhys vorbei. Diese Giants sind typische walisische Figuren und zum Jubiläum ist es der Gründer des Festes, der hier mit großem Aufwand zusammengebastelt wurde.. Dabei hat er Y Ci Annwn, den Hund der Anderswelt. In den Sagen gilt er als Mittler zwischen den Welten und Beschützer der Helden. Es könnte aber auch einfach der Jagdhung des Lords mit Namen Teifi sein… wer weiß das schon. Der große braune Bart ist das Symbol der Barden, also der Poeten, Sänger und Künstler. Der Umzug der Figuren zieht alle Blicke auf sich und ist sehr schön anzusehen.

Jedenfalls ist es immer ein ziemlicher Akt, wenn der Lord seinen Hund streicheln will. Da müssen die sieben Puppenspieler ganz schön synchron sein und jeder Handgriff sitzen.

Luna ist Teifi zum Glück nicht begegnet, das wäre wahrscheinlich ein ziemlicher Schreck geworden. Sie pennt derweil im Womo und nun ziehe ich mich auch erst einmal für eine kleine Mittagspause zurück. Gleich hinter dem Parkplatz gibt es Wiesen zum Spielen und auch auf dem Festivalgelände hat man an die Vierbeiner gedacht und eine Freilauf- und Spielfläche eingerichtet (auf dem Plan unten ganz rechts, gleich neben den weißen Zelten). Wer schlecht zu Fuß ist, kann sich hier elektrische Rollstühle ausleihen und auch ein Shuttle-Service ist eingerichtet. Mehrfach habe ich beobachtet, wie Leute sich überraschen, umarmen, treffen und begrüßen. Scheinbar ist das hier wirklich wie ein großer jährlicher Treffpunkt. Nach der Mittagspause gerate ich in etwas sehr Schönes hinein. Die Hochschwangere Sopranistin  Jessica Robinson gibt zusammen mit dem Royal Welsh College of Music and Drama ein Art Chor-Workshop. Da sitzen einfach Besucher des Fests zusammen und singen – und für nicht geprobt wunderschön. Ich bin echt angefasst!

Die Frau ist eine echte Granate, mit Temperament, Witz und Stimme, nur leider hab ich mir keine Simultanübersetzer geholt und verstehe kein einziges Wort. So summe ich leise mit und habe meine Freude.

Ich schlendere übers Fest und versuche mich am Programm zu orientieren. Aber dieser Versuch muss wegen der Vielzahl der Veranstaltungen, unter denen ich mir zum größten Teil nach der Beschreibung noch nicht einmal etwas vorstellen kann, schiefgehen. Deshalb lasse ich mich treiben, erlebe Chöre, Solowettbewerbe, kleine Bands und einen Sitztanz im Stuhlkreis – zum Piepen lustig. An einem Zelt sehe ich ziemlich viele Hunde. Da muss ich doch mal schauen – Luna schläft gerade wieder im Dicken. Hier findet  der Workshop: „Teach your dog welsh“ statt. Der Gewinner darf auf diesen Thron. Eine Dalmatinerbesitzerin scheint aussichtsreich zu sein und wird gerade interviewt. Die Erwärmung ist so eine Art „Reise nach Jerusalem“ ohne Stühle. Wenn die Musik stoppt, erstarren alle und der Hund, der noch wackelt muss raus 😂.

Hier ist so viel los, dass es den Rahmen sprengen würde, wollte ich alles erzählen. Nur eins noch: das ganze Spektakel geht neun Tage lang und manche kommen jedes Jahr her. So auch Brethan und Dan, ein Paar meines Alters, das in der Schlange an einem Zelt hinter mir steht. Da ich keine Ahnung habe, was das sein soll, was ich in der Beschreibung lese, allerdings vermute, das es gut sein muss, frage ich sie einfach und so kommen wir ins Gespräch. Brethan erklärt mir, dass ich gleich eine ganz typische Tradition, nämlich Cerdd Dant erleben werde. Cerdd bedeutet Musik und Dant Saite oder Harfe. Hierbei wird zur Melodie der Harfe ein anderes Lied improvisiert. Beide Melodien verlaufen zunächst unabhängig voneinander, treffen dann aber immer wieder zusammen. Harfe und Sänger halten sozusagen einen Dialog ab. Solistisch kann ich mir das zwar vorstellen, aber hier wird das als Chor praktiziert. Brethan nimmt mich mit, erklärt mir das System und wir setzen uns gemeinsam in den Chor. Auch mit Textblatt bin ich nicht in der Lage mitzusingen, denn selbst wenn ich versuche die Melodie zu improvisiern – den Text kann ich nicht aussprechen. Außerdem sind die melodischen Wendungen oft sehr überraschend und ich summe nur ganz leise mit. Tatsächlich stupst mich meine Nachbarin auf der anderen Seite an und sagt etwas auf Welsh. Brethan verteidigt mich: Ich sei doch aus Deutschland und könne das nicht. Sofort wechselt die Frau auf der anderen Seite die Sprache und meint auf Englisch, das hätte sie nicht gewusst, aber hier wird halt mitgesungen, ich könne es doch einfach probieren, sonst würde ich hören, wie schlecht sie sänge… Was für ein lustiges Fest… Ich singe einfach mit – falsche Sprache und falsche Melodie.

Brethan und ihr Mann haben übrigens auch Musik studiert, er ist Musiktherapeut und sie Geigerin und als freiberufliche Musikpädagogin tätig. Schön wars, mit ihnen diese spezielle Tradition zu erleben. 

Ich bin voll. Gefüllt mit Erlebnissen, Gesprächen, Eindrücken, Musik, Tradition, Kunst. Deshalb schlendere ich langsam zum Dicken zurück und nach einer letzten Spielerunde mit Luna verkrümeln wir uns in einen Wald für die Nacht. Der ist allerdings ca. 50km weit weg, weil hier ringsum alles schon seit Monaten ausgebucht und auch die Freien Plätze belegt sind. AM nächsten Morgen denk ich um 6:30 Uhr: Sonne scheint – bin eh schon wach – wie wärs mit Frühstück am Meer? 20km war ich schon mal: Rhossili Beach ist doch was? Und dann haben wir Frühstück mit AUsblick, fast allein am Rhossili Beach – Haaach ist das Leben schöööön ☺️☺️

4 Kommentare zu „Hach, ist das Leben schön!“

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