Industriegeschichte 3.0

Heute gönne ich mir mal eine Stunde Entspannung der anderen Art. Im Süden von Manchester liegt das „Black Sheep Wools“-Geschäft, angeblich eins der besten in England. Da mache ich natürlich einen Stopp auf meinem Weg zur letzten große Baumwollspinnerei – der Quarry Bank. Und es ist tatsächlich ein sehr schöner Wolladen, denn hier kann man neben der Wolle auch in unzähligen Heftern mit Anleitungen stöbern, fertige Strickwerke begutachten und in einem Extraraum Kaffee und Kuchen bestellen. Das ist doch mal ein herrlicher Zeitvertreib und außerdem kann ich ein bisschen Training der Fachsprache Textilgestaltung/Stricken ganz gut gebrauchen.  Am Ende hat die Verkäuferin ihr Geschäft gemacht und entlässt mich mit einem Lob, sie hätte mich gut verstanden… Na da gehts uns doch beiden gut ☺️ Zum Bilder knipsen bin ich in dem Wollparadies gar nicht gekommen und klaue die Fotos wegen der Anschauung mal schnell von Google – sorry!

Im Nachhinein bin ich über die Reihenfolge der Museen sehr dankbar. Erst Cromfort-Mill ohne Maschinen und dem Schwerpunkt auf Mr. Alkwright, dann Lanark und der Frühsozialist Owen und jetzt Quarry Banks. Das Faszinierende hier ist die unheimliche Vielzahl alter Webstühle, Spinn-, Kardier- und Schärmaschinen. Letztere war für mich eine der beeindruckendsten. Hier werden bis zu 2500 Kettfäden für Webstühle vorbereitet und in sogenannten Kettbäumen (eine Art langer Zopf) zusammengefasst. Die können die Weber dann in die Webstühle einspannen und so einen Kettbaum hatte ich bei den „Three Sisters“ auf den Hebriden schon gesehen. Der hatte allerdings nur ca. 900 Kettfäden. Hier kann man eine solche Maschine mal sehen.

Interessant ist auch die Kardier- oder auch Krempelmaschine. In diese wird die Rohwolle nach dem Waschen und Trocknen hineingelegt und nun müssen die Wollfasern möglichst parallel zu einem gleichmäßigen Faserband ausgerichtet werden. Am Ende kommt ein Wollflies, auch Kardenband genannt, als weißer Strang heraus, der immer feiner gezogen und schließlich versponnen wird.

Eine der ersten Spinnmaschinen kenne ich ja schon: Spinning Jenny, die gab es auch in Cromford Mill zu sehen. An der zähle ich so 12-15 Spindeln. Dann gibt es aber noch dieses über 100 Jahre alte Wunderwerk der Technik mit 200 Spindel. Wenn sie arbeitet fährt ein sogenannter Spinnwagen mehrere Meter vor und zurück und zieht dabei die Fasern auseinander. Die Spindeln bewegen sich dabei und geben dem Garn den Drall. Beim Zurückfahren wird das fertige Garn auf die Spindeln aufgewickelt. Die Spinning Mule wurde zur Zeit der Industriellen Revolution erfunden und funktioniert auch heute noch.

Ich habe Zeit allein im Museum, denn im wunderschönen Umfeld der Fabrik hat Luna schon eine große Runde bekommen und wartet nun brav im Womo. Deshalb genieße ich die kleinen Details im alten Kontor, bestaune die Webstühle und vor allem begeistern mich die alten Dampfmaschinen. Auch anfänglich mit Wasserkraft betrieben – im Laufe der Jahre sind hier drei riesige Wasserräder eingebaut worden, von denen noch eins zu sehen ist – setzte man um die Jahrhundertwende auf Dampf. Den konnte man gleichbleibend erzeugen und war nicht auf Wasserstände angewiesen. Mehrere Dampfmaschinen sind heute noch im Betrieb zu bewundern und die Luftfeuchtigkeit im Raum steigt merklich an.

Wie auch schon Mr. Owen hat sich auch der hier ansässige Mühlenbesitzer Samuel Greg Gedanken um seine Mitarbeiter gemacht. Es gibt günstigen und im Vergleich mit den „Raben von London“ gesunden Wohnraum. Zwischen Wald und Feld gelegen ist die kleine Siedlung mit Kapelle und Schule auch heute eine gute Lage und wird noch bewohnt. Auch die Schule ist kein Museum sondern nach wie vor Bildungsstätte. Die Bilder und Berichte von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Zeiten der Industrialisierung aus schmutzigen Wohnlöchern in London habe zumindest ich aus dem Geschichtsunterricht eher im Kopf, als solche recht guten Bedingungen. Trotzdem sind ein 12-Stunden Arbeitsalltag, Kinderarbeit und kaum Arbeitsschutz auch hier an der Tagesordnung. Mit Luna laufe ich auch nach der Besichtigung noch einmal durch das riesige Gelände uns wir kommen auch am „Lehrlingswohnheim“ vorbei. Da kommt man nur mit Führung rein, aber ein Blick durchs Fenster erinnert an den Tisch von den sieben Zwergen.

In vielen Gärten des National Trust gibt es den beliebten Summer of Play, so auch hier. Der Parkplatz ist gut gefüllt, aber im großen Park verläuft sich der Besucheransturm. Hier noch ein paar Eindrücke von dieser wirklich fantastischen Anlage.

Das Gelände leert sich. 17:00 Uhr werden die Tore geschlossen, aber auch danach kann man noch große Teile des Cahpel Wood nutzen, was gerade viele Hundebesitzer ausgiebig nutzen, so auch ich. Doch gegen 18:00 machen auch wir uns auf den Weg, denn wir müssen heut noch Strecke machen. Fast 300km nach Südwales liegen vor uns, denn dort erwartet mich morgen ein letztes besonderes Ereignis: Das Eisteddfod. Ihr dürft gespannt sein.

Kommt gut durch die Nacht.

4 Kommentare zu „Industriegeschichte 3.0“

  1. Sehr interessant, liebe Marion, und dann dazu noch du als tolle Wollmaus!!
    Bin sehr gespannt, was du demnächst mal darüber erzählst. Und morgen noch mehr Überraschung?
    Doch lass uns erstmal ruhig schlafen!
    Bonne nuit à vous deux,
    Marietheres

  2. Liebe Marion, gestern habe ich auf Arte einen Bericht über Schottland gesehen und dort war der Harris-Tweed ein Thema mit den strengen Auflagen und ich habe mich gleich an deine Geschichte von den „Tree Sisters“ erinnert. 😀 Liebe Grüße Kordula

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