Mentale Arbeit

Was mach ich nur? Die ganze Nacht hat es gestürmt und geregnet. Und jetzt ist es draußen auch noch unangenehm kühl. Wer weiß, ob das heute noch schön wird. Zum Wandern ist das ja vielleicht nix… Ganz deutlich merke ich, wie mein bequemer Körper schon wieder frohlockt und mit mir verhandeln will. Das geht mir jedes Mal so und immer habe ich auch Bedenken, ob es nicht zu schwer wird, ich mich mehr anstrengen muss als ich  eigentlich will und schwitzen… na das mag ich ja sowieso nicht! Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wieso das immer wieder losgeht, wenn ich eine Wanderung machen will. Ich mag das ja und habe gerade auch in diesem Urlaub schon viele schöne Wanderungen unternommen. Immer das ganze Theater vorher!! Das nervt extrem! Kennt ihr das auch?  Leichter wirds dadurch nicht!

Ich verbiete dem Inneren Schweinehund das Wort, stelle mein Navi auf Malham ein, das sind so 50km und los gehts. In den Yorkshire Dales soll die Malham Cove und Janet`s Foss Waterfall besonders sehenswert sein. 

Von Sedbergh, wo unser Nachtlager war, gehts über die winzigen Straßen durch kleine Dörfer, an beschaulichen Farmen vorbei und zum Schluss über ein beeindruckendes Hochmoor langsam auf unser Ziel zu. Besonders das einsame Malham Moor mit den Single Track Roads und deren Steigungen bis 17% beeindruckt mich nicht nur fahrtechnisch. Die einsamen, baumlosen Weiten und der Blick in die Ferne sind etwas Besonderes. Halten kann man allerdings kaum, denn außer Passing Places gibts hier nur Mäuerchen oder Zäune.

Kaum sind wir angekommen, geht es auch schon los und ich entscheide mich, den Rundwanderweg rechtsherum zu gehen, also mit dem Janet`s Waterfall zu beginnen. Über eine kleine Steinbrücke, immer am Fluss entlang schlängelt sich der Weg über Wiesen, an den typischen Mäuerchen entlang, bis hin zur  romantische Schlucht.

Ein schlauer Mensch hat einmal errechnet, dass allein in dem Gebiet der Yorkshire Dales insgesamt 5000 Meilen dieser Mäuerchen die Felder umgrenzen. Die gibt es wirklich überall. Beim Wasserfall angekommen, gönnen wir uns eine kleine Pause und baden (Luna) und fotografieren (ich). Janet ist übrigens der Name der Feenkönigin, die in der Höhle neben dem Wasserfall wohnt. 

Wirklich romantisch hier mitten im Wald, das rauschende, klare Wasser ein wunderschönes Plätzchen. Weiter gehts immer bergauf, der Blick weitet sich und bei schönstem Wetter, eine frische Brise weht, genieße ich die Natur, die Bewegung und wie fröhlich Luna neben mir hertappt. Ein bisschen bremsen muss ich sie schon ab und zu, aber wie schön, dass sie immer dabei ist.

Doch dann tut sich vor unseren Füßen ein Abgrund auf: 80m tief und 300m breit ist diese Kalksteinformation, die vor 50.000 Jahren vom Wasser eines riesigen Gletschers geformt wurde. Der befand sich auf dem Hochland und bildete nach und nach einen See, den Malham Tarn. Heute hat der noch einen Durchmesser von knapp 800m, früher bedeckte er die ganze Hochebene und stürzte als Wasserfall über die Kalksteinklippe herab. Dabei schuf das Wasser bizarre Formen am Klippenrand, über den es auch für Hunde gar nicht so leicht ist zu gehen. Mit ihren vier Pfötchen muss sich Luna  erst einmal eingrooven. Da rutscht die eine oder andere Tatze ab und zu in eine Kerbe und die sind zwar mit Gras zugewachsen, aber doch tiefer als gedacht.

Und weil wir es lange nicht hatten: Natürlich waren Harry und Hermine auch schon hier: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. 

© Bild: The Mirror.co.uk

Unzählige Steinstufen, die meine Knie mal wieder das Hohelied des Abstiegs singen  und meine Augen neidisch auf die jungen „Gazellen“ und „Steinböcke“ neben mir schielen lassen, die das so nebenbei erledigen, führen hinunter ins Tal. Da ist die ganze Sache eigentlich fast noch imposanter. Ein kleines Bach plätschert dahin, Kühe grasen und dann steigt die Klippe gen Himmel – fantastisch.

Wie das wohl mal aussah, als im Gletschersee noch genug Wasser war und hier ein Wasserfall in die Tiefe stürzte?? Na dann: Wasser Marsch!

KI - ist klar ge?

Auf dem Weg zurück drehe ich mich noch oft um und genieße diesen herrlichen Anblick. Als ich gerade noch einmal genau nachgelesen habe, steht in meinem Reiseführer, das sei eine der schönsten Wanderungen in UK. Man kann sie noch um ein paar Kilometer erweitern und einige Topspots dranhängen, aber für mich war das heute genau die richtige Runde.  Auch, wenn ich euch den Wermutstropfen bisher verschwiegen habe.

Die komplette Wanderung war für mich nicht nur eine körperliche, sondern hauptsächlich eine mentale Herausforderung. Außer mir fanden nämlich noch weitere 999 Menschen, dass man heute doch unbedingt die Malham Cove Runde drehen sollte. Schon als ich – durch die Entfernung leider erst 10:30 Uhr – ankam, war der Parkplatz schon voll. Schreiende Kinder, Unmengen an Hunden, Teenager mit langen Gesichtern, nölende Mütter, Badelatschenträger… alles war dabei. Wat hav isch misch offgerescht…  Luna konnte nicht frei laufen, immer musste ich sie um andere Hunde herumlotsen und die vielen Leute… ihr wisst ja, die gehen mir echt auf die Nerven. Mein Gott, heute ist Montag. Muss denn hier niemand auf Arbeit???

Aber dann habe ich gedacht: Die schöne Runde lass ich mir heute nicht versauen. Sieben Kilometer lang  immer wieder denken: „Genießen – nicht ärgern!“ Das ist ne Aufgabe, kann ich euch sagen. Ab Kilometer 4 hat es dann aber immer besser geklappt. Ich habe Pausen gemacht und alle an mir vorbeigelassen – okay es kamen immer wieder Neue, aber was solls. Und meine Herausforderung des Tages: Bilder ohne Menschen schießen – ha, merkt ihr? Hat ganz gut geklappt (manchmal musste aber auch das neue Radierwerkzeug von Fotos ran). Aber mal fürs Feeling: 

Die Runde nochmal ohne Menschen – da wäre ich sofort dabei. Ein wirklich wunderschöner Weg. Herzlichen Glückwunsch an alle, die außerhalb der Saison fahren dürfen. Glückwunsch an mich: Ich darf dafür lange ☺️.

Wir packen zusammen und fahren noch bis in die Nähe von Great Britain – ja den Ort gibts wirklich und beziehen unser Nachtquartier an einem großen Park in einer kleinen Stadt. Außerhalb gabs hier nicht viel, aber der Stellplatz ist super. Gerade kam ein älterer Mann vorbei, er steht mit seinem Camper neben mir, wohnt aber in der Straße um die Ecke. „???“, frage ich. Er sei frisch geschieden und breche morgen zu einer Reise auf: 3 Monate Schweiz, 3 Monate Montenegro. So kann man eine Scheidung auch verarbeiten.  „Good luck!“, wünsche ich ihm, und euch eine gute Nacht.

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