Wir lassen uns Zeit, bummeln in den verregneten Tag und genießen noch ein bisschen diesen fantastischen Stellplatz. Luna trödelt über die Wiesen, kann ihren Bällen nachflitzen und überall herumschnüffeln. Ich dehne hauptsächlich meinen Rücken, der nach den gestrigen 12km über Glasgower Pflaster heute ganz schön meckert. Wir lassen es ruhig angehen und haben uns nur ein Highlight ausgesucht: New Lanark – ganz in der Nähe, keine 2km.
Übernachten im UNESCO Weltkulturerbe, so titelte das Schottland-Magazin. Und neben einem Youth-Hostel gibt es heute tatsächlich ein Hotel auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei.
Auch hier hatte bei der Gründung 1785 der uns schon bekannte Richard Arkwrith seine Finger im Spiel und konnte seine Erfahrungen mit den durch Wasserkraft betriebenen Spinnmaschinen einbringen. Gemeinsam mit dem Banker Davide Dale wollte er am River Clyde eine weitaus größere Fabrik errichten, aber schon ein Jahr später überwarfen sich die beiden Geschäftsmänner und Dale blieb der alleinige Eigentümer des Betriebs. Soweit so unspektakulär. Käme da nicht im Jahr 1800 der Schwiegersohn Dales, ein gewisser Richard Owen des Wegs und hätte den Sack voller visionärer Ideen. Schon zu DDR-Zeiten haben wir in Fach M/L (Marxismus Leninismus) über den etwas erfahren. Owen gehörte nämlich zu den Frühsozialisten und hat sich für seine Arbeiter stark gemacht. Von den Häusern, die man auf dem Foto sieht, sind nämlich nur vorn links die großen Gebäude Fabrikhallen (heute Museum und Hotel). Ganz hinten befinden sich die Wohnhäuser der Arbeiter, ein Hospital und noch mehr Wohnhäuser (rechts die kleine Reihe ist heute wieder bewohnt). Außerdem gibt es eine Schule – vorn Mitte rechts. Genau sieht man alles auf diesem Plan.
Vorerst habe ich aber meine Luna dabei und so machen wir uns auf den Weg am River Clyde entlang zum Wasserfall Dundaff Linn. Umgeleitet in Kanäle fließt zum Antreiben der Maschinen benötigtes Wasser auch heute noch durchs Gelände und dann wieder in den Fluss hinein. Am Kanal gibt es Spielplätze und lauschige Sitzecken.
Eine Dino-Ausstellung gibts hier auch irgendwie
Auf dem Weg zum Wasserfall kann man nicht nur die Natur genießen, Tiere kennenlernen oder Rätsel lösen, hier gibt es auch Schilder, die auf dem sogenannten Power.Trail die Wasserkraft erklären
Wasserkraftwerk am Wegesrand
Nach der Wanderung erkunde ich allein die Museumsräume innen, die mit der Annie McLeod Experience beginnen. Annie ist ein 10-jähriges Mädchen, dass uns durch die Zeit des 19.Jahrhunderts führt und erklärt, wie in der Fabrik gearbeitet wurde. Für heutige Vorstellungen eine Vollkatastrophe – damals revolutionär. Es stehen also die Textilarbeiter und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zuerst im Mittelpunkt der Betrachtungen – ganz im Sinne des Sozialreformers Owen. Für die Experience setzt man sich in eine Art Geisterbahn und wird 12 Minuten durch eine Multimediashow gefahren.
In den Wohngebäuden sind einige Wohnungen – meist nur aus einem Zimmer bestehend – nachgebildet. Darin wohnte man manchmal mit bis zu 10 Personen. Aus heutiger Sicht waren das natürlich kein Luxus, auch wenn die Bedingungen für Owens Zeit so neu waren, dass er ständig Besucher aus dem In- und Ausland bekam. Fürsten, Politiker, Unternehmer, Zar Nikolaus, die österreichischen Prinzen – alle wollten sich über die neuen Methoden informieren. Allein von 1815-1825 trugen sich 20000 Personen ins Gästebuch ein. Schulbildung, Gesundheits- und Rentenversicherung, bezahlbarer Wohnraum, günstige Lebensmittel, eine Kantine, Pausenzeiten, Arbeitsschutz und Hygienekontrollen in den Wohnungen – Owen sorgte sich sehr um seine Angestellten und das waren zu guten Zeiten fast 2000 Personen.
1825 verkaufte Owen New Lanark und widmet sich seiner Vision von „New Harmony“, einem Projekt in Amerika. Dort wollte er eine ganze Stadt bauen, in der Menschen nach seinen Ideen lebten und arbeiteten. Das Projekt konnte aber aus Geldmangel nie realisiert werden. Eine Zeichnung war aber ausgestellt.
Interessant sind auch die alten Spinn-, Cardier- und Webmaschinen. Man kann das große Wasserrad noch sehen und auch die später angeschaffte Dampfmaschine. Bis 1968 wurde hier noch produziert, zum Schluss noch mit 350 Arbeitern, dann schloss man die Fabrik.
Seit 1974 kümmerte sich ein Verein um den Erhalt der Spinnerei, das hielt aber den Verfall nicht auf, was im Treppenhaus auf alten Fotografien dokumentiert ist. Erst 2001 bekam der Ort den UNESCO Weltkultuerbetitel, weil an dieser Stelle nicht nur Industrie- sondern auch Sozialgeschichte geschrieben wurde. Seitdem ist viel passiert und alles ist sehr gepflegt und stilvoll wiederhergestellt. Hier und da werden auch restauratorische Hinweise gegeben, aber bei der Fülle an Informationen hab ich das mal übersehen. dafür bin ich lieber nochmal auf den Dachgarten hochgegangen und hab die Aussicht genossen.
Als ich aus der Historie wieder auftauche ist es schon Nachmittag und so verziehen wir uns an den kleinen Loch Lanark unter Apfelbäume auf einen kleinen Hügel und lassen den wieder einsetzenden Regen aufs Womodach prasseln. Abends wird es dann noch einmal schön und vielleicht ist das ja ein Zeichen.
Kommt gut durch die Nacht.
2 Kommentare zu „Ein Visionär setzt Maßstäbe“
Achim
Hallo Marion,ich bewundere Deinen Mut!! und lese immer die Bericht.
Hallo Marion,ich bewundere Deinen Mut!! und lese immer die Bericht.
Hallo Achim, das freut mich und ich kann sagen: so viel Mut braucht das nicht 😃 Einfach machen und optimistisch bleiben 👍
Liebe Grüße nach Wurzen