Die graue Stadt

Der Abend schenkt uns noch ein paar wenige Lichtblicke im Glen Coe und dann zieht es sich zu. In der Nacht und auch noch am nächsten Morgen regnet es in Strömen und so beschließe ich,  mein nächstes Ziel, den Trossachs Nationalpark, aufzugeben. Was soll man da bei diesem Wetter anfangen und im Reiseführer wird außerdem verdächtig viel von Tourismus geschrieben. Ich hoffe auf den Süden und nachlassenden Regen. Vielleicht wäre es auch besser, über Indoor-Aktivitäten nachzudenken und so kommt mir Glasgow in den Sinn. Eigentlich hat es eine zweite Chance verdient, nachdem es mich von außen nur abgeschreckt hat. Kunst soll es da geben und große Architekten, Designer, eine fantastische Musikszene – Glasgow erhielt 2009 den Titel Europäische Musikhauptstadt – hier sitzt die BBC und der Ort war 1990 Europäische Kulturhauptstadt. Na, wenn das nix ist. Es gibt nur genau zwei Probleme: Der Dicke darf nicht in die Umweltzone und was mach ich mit Luna? Zum Glück finde ich einen Park&Ride Parkplatz, der nur 10 Minuten vom ausgesuchten Museum entfernt ist. Das U-Bahn-Ticket ist in der Parkgebühr von 9 Pfund enthalten und bei dem Wetter macht es sich meine Hundedame im Womo gemütlich. Am Loch Lomond haben wir einen Stopp zum Frühstück mit Gassi und Ballspiel gemacht und so verkrümelt sie sich müde und zufrieden in ihre Ecke, während ich mit der Subway in Richtung West End /Kelvingrove starte.

Da die Glasgower U-Bahn nur im Kreis fährt, kann man keinen Fehler machen und so lande ich ohne Probleme am richtigen Fleck. Ich steige an der Kelvinbridge Station aus und wundere mich was hier alles Kelvin heißt. Die Station, der Park, das Flüsschen, die Straße… Wer ist den Kelvin?  Das war William Thomson, 1.Baron Kelvin of Largs (1824 – 1907). Kein ganz unbekannter Physiker war das, der da über 50 Jahre an der Universität Glasgow lehrte und nach dem die Kelvin-Temperaturskala benannt ist. Als er 1892 in den Adelsstand erhoben wurde, musste er einen Titel wählen. Und so nahm er den Namen des Flüsschens, das an seine Uni vorbeifloss. Angeblich sollen Studierende noch heute vor ihren Prüfungen die Nase der Kelvin-Statue reiben, das soll Glück bringen. Da muss es noch eine andere geben. Dieser Kelvin hier hat keine polierte Nase.

 Kelvingrove Art Gallery  und Museum (vorn) befindet sich in einem Park unweit der Universität (hinten). Beides sind sehr imposante Gebäude, was dieses Wikipedia-Bild anschaulich darstellt.

©WIKI Commons

Was für ein prächtiges städtisches Museum. Spanische Türme, italienischer Pallazzo, eine beeindruckende Mittelhalle, mit Orgel und Lichthöfen links und rechts – allein dieser Eindruck lohnt den Besuch. Wie in allen städtischen Museen der Stadt ist der Eintritt frei und so betrete ich voll Staunen diesen Palast, der 1901 zur Internationalen Ausstellung eingeweiht und von den Einnahmen der vorhergehenden 1888 bezahlt wurde. 

Diese Veranstaltungen waren eine Art Weltausstellung, die viermal in Glasgow statt gefunden haben und jeweils ein halbes Jahr dauerten. Man kann sie sich als Mischung aus Technikmesse, Kunstausstellung, Kulturfestival, Vergnüpgungspark vorstellen und sie müssen unheimlich erfolgreich gewesen sein. Glasgow feierte um die Jahrhundertwende dabei aber hauptsächlich sich selbst, denn die Stadt war damals auf dem Höhepunkt ihres Glanzes. Auf diesem zeitgenössischen Gemälde sieht man die Universität, die Kelvingrove Hall, und die Industrial Hall – ganz links, das weiße Gebäude, das an Taj Mahal erinnert. Das war das Herzssück der Ausstellung von 1901 und bestand hauptsächlich aus Holz, Stahl und Gips. Nach der Ausstellung wurde es wieder abgerissen.

Im Kelvingrove House ist ziemlich viel Betrieb, das Museum wird besucht, Menschen aller Altersgruppen tummeln sich in den Gängen und tatsächlich ist hier für jeden etwas dabei. Von der Decke schwebt ein Flugzeug – die Glasgow Spitfire  LA198 von 1944, Elefanten, Giraffen und andere Tiere „laufen“ durch die Gänge, überall gibt es Cafés und Bistros und die Themen der Ausstellungen sind vielfältig: Französische Impressionisten, die Glasgow Boys, das Schottische in der Malerei, Design (unter anderem vom hier einst ansässigen Designerpaar Charles Rennie Mackintosh und Margret MacDonald), Geschichte Schottlands, ägyptische Kultur, Naturgeschichte … sowie wechselnde Sonderausstellungen. Heute gibt es eine zum Thema „Barbie“. Also mich erschlägt die Fülle und ich versuche zu sortieren. Beginnen wir mit der schottischen Identität und ihrer künstlerischen Darstellung. Welche Motive fallen euch dazu ein? Genau: Tartan, Maria Stuart, das Desaster bei Culloden und die fantastische Natur.

Schaut mal, an den Drei Schwestern war ich gestern noch wandern :).

Dann widme ich mich dem Design. Charles Rennie Mackintosh begründete Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Ruf Glasgows als Architekturstadt. Typisch z.B. sind seine langen Stuhllehnen. Aber nicht nur für Inneneinrichtung auch für Architektur war er zu begeistern.  Gebäude sollte für ihn Gesamtkunstwerke sein und die von ihm und seiner Frau konzipierten Tearooms, die bald überall in Glasgow eingerichtet wurden, zogen die Bewunderer aus aller Welt an. In den 50er Jahren erlosch das Interesse an seinen Jugenstilräumen und einige wurden sogar abgerissen. Seit dem Kulturhauptstadtjahr ist die Mackintosh-Euphorie allerdings wiedererwacht und nicht mehr zu bremsen. Ausstellungen, Kunstpfade, Museen werden eröffnet und auch an diesem Ort widmet man sich seinem Werk.

Natürlich kann ich mich auch den Franzosen nicht verschließen. Hier hängen in all dem Trubel wie ganz nebenbei Renoir, van Gogh, Monet, Cezanne und viele andere.

Prunkstück der Ausstellung und voller Stolz in einem Extraraum mit sehr guter Multimedia-Präsentation präsentier ist aber ein Dalì. Christ of Saint John of the Cross ist der größte Schatz des Hauses. Mit einer revolutionären Perspektive – Jesus wir von oben betrachtet – lässt der Maler das Kreuz über allem schweben. Das hat wirklich eine beeindruckende Wirkung. Kein Hügel von Golgatha, einfach eine Alltagszene mit Fischern bildet den Kontrast zum spirituellen Hauptmotiv. 1952 für 8200 Pfund gekauft, erwies sich die Entscheidung des damaligen Museumsdirektors als sehr klug, ist es doch heute mehrere Millionen wert und zieht Menschen aus aller Welt an.

Mein Favorit ist allerdings sehr viel weniger wert und hängt in einer kleinen Kammer. Hier ist es die Geschichte, die berührt. Giuseppe Baldan war im 2. Weltkrieg ein Kriegsgefangener in einem Camp in Berbera, dem heutigen Somalia. Aus einer schmutzigen Hütte machte er für die Mitgefangenen eine kleine Kapelle, in der sie Trost und Zuversicht fanden. Dafür malte Baldan auf die Rückseiten von Mehltüten das Triptichon Madonna von Lafaruk im Stile der alten Meister seiner Heimat, der italienischen Renaissance. Im Hintergrund der Bilder erkennt man das Lager selbst und auf dem Mittelbild die kleine Kapelle. Als das Gefängnis aufgelöst wurde, rettete der britische Lagerkommandant Captain Alfred Hawksworth die Gemälde und so kamen sie in diese Ausstellung. 

Ich kann nicht mehr, mein Schädel brummt und da ist es doch gar nicht schlecht, dass Glasgow über mehrere Stadtzentren verfügt. Ich muss mal raus und ein bisschen laufen, von West nach Ost in Richtung Glasgow Cathedral. Auf dem Weg wird eines deutlich: die Glanzzeiten dieser Stadt sind wirklich vorbei, zumindest unter einer sehr dicken Staubschicht verborgen. Hier ist Verfall angesagt. Die fantastischen Gebäude der Gründerzeit stehen leer, Fassaden bröckeln. Neben schmuck- und seelenlosen Neubauten verrotten stilvolle, alte Kleinode. Hier gibt es Substanz, die einfach vor sich hinbröckelt, aber auch neue Gebäude aus den 70er stehen leer und warten auf die Abrissbirne. Diese Stadt macht es mir nicht leicht, erobert mein Herz nicht im Sturm. Überall wird gebaut, es lärmt, kracht, baggert, sägt und kreischt. Aber hat das ganze Tun Konzept? Vom vielbeschworenen Aufschwung nach dem 1990 Kulturhauptstadtkjahr ist aus meiner Sicht nicht viel zu sehen. Baustellen gibt es zuhauf, aber ich finde keinen Ort, der mich einlädt, anspricht, verzaubert. Vielleicht ist es der Kontrast zu den letzten Wochen, vielleicht der Regen oder die doch relativ kurze Zeit meines Besuchs – ich werde mit Glasgow nicht warm.

Fast schon atme ich auf, als ich den altehrwürdigen Kirchenraum dieser aus dem 12. Jahrhundert stammenden Kathedrale betrete. Heute in der typischen Sandsteinfarbe, früher, vor der Reformation noch reich geschmückt. (Bild aus dem Kirchenraum) Auch fantastische Glasarbeiten sind zu bewundern – alte aber auch neue. Und ein Besuch in der Unterkirche mit den herrlichen Gewölben lohnt sich auch.

Hinter dem Kirchenhaus erhebt sich auf dem Fir Park Hill Glasgows Totenstadt Nekropolis wie eine theaterreife Kulisse. Prächtige Grabmäler, Obelisken und die große Säule mit dem Reformator John Knox – also dem schottischen Martin Luther – auf der Spitze ergeben eine besondere Skyline und schauen auf die Stadt herab. Über die Brücke der Seufzer gehe ich hinüber in dieses seltsam anmutende Areal der besonderen Zeitzeugen einer verlorenen Ära. Hier liegen die Macher des Empire, der goldenen Zeit, hier hat sich das Großbürgertum ein Denkmal gesetzt und schaut nun schon seit einigen Jahrzehnten auf den Niedergang herab.

Glasgow braucht einen  Wandel, neue Ideen. Die Zeiten, als der Tabakhandel, der Schiffbau (Glasgow hatte die größte Werft des Empire), Textilindustrie, Maschinenbau… die Stadt reicht machten, sind lange vorbei. Hoffen wir, dass es gelingt, die alten Schätze zu bewahren und Neues zu wagen.

Ziemlich platt komme ich am Womo an und wir kämpfen uns durch den Feierabendverkehr noch ein paar Kilometer in Richtung Süden durch bis nach Lanark. Ein großer Farmshop lockt am Weg mit frischen Obst und Gemüse und dann haben wir auch schon unser wunderschönes Nachtquartier am Castelbank Park bezogen. Dieser toll gepflegte Park läd zum Freistehen ein,  ist eine wohltuende Abwechslung zum grauen Glasgow und für Luna ist hier genügend Platz zum Rennen und Toben. Herrlich. Liebe Grüße aus der Ferne!!

6 Kommentare zu „Die graue Stadt“

  1. Liebe Schulzi,
    wir waren heute Abend bei einem Temperamentvollen Konzert in der Kulturarena – bei brasilianischen Temperaturen.
    Jetzt habe ich deine Bilder und Zeilen vom letzten Tag gesehen und kann nur sagen:
    Es geht uns einfach gut.
    Liebe Grüße aus dem trockenen Jena.
    😍🥰🙋 Susi

    1. Ach ja, das stimmt, es geht uns blendend 🥰 Ich bin gerade auf meiner Reise auch immer wieder sehr dankbar und glücklich, so leben zu dürfen. Außerdem freu ich mich auf mein Gärtchen und bin froh nicht in einer grauen Stadt leben zu müssen 😃🌳🌳🌳

  2. Liebe Marion,

    ich war jetzt nach allem Gelesenen der letzten zwei Tage froh, dass ihr einen schönen Platz gefunden habt, der den Glasgow – Frust verblassen lässt.

    „Morgen ist ein neuer Tag!“

    Schlaft gut und Drückies,
    Ruth und Lotte

    1. Liebe Marion,
      ich verstehe dich so gut. Nach all der wunderschönen Natur ins graue Glasgow zu kommen, war vermutlich ein Schock für die Augen… Mich hat Glasgow vor vielen Jahren bei meinem Besuch auch nicht begeistert… Ihr habt bisher so viel Schönes gesehen und erlebt. Das ist die Hauptsache… Liebste Grüße!

      1. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Manch ehemalige Arbeiterstadt hat sich zur hippen, coolen Szene entwickelt… Glasgow leider nicht, trotz des Potentials. Schade, aber nicht schlimm. Die Ausstellung war toll 😊.

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