Es ist 22:30 Uhr, wir stehen ganz allein am Bealach na Ba und Luna bellt. Ich habe kein Auto gehört und zu Fuß kommt hier bestimmt niemand hoch. Also guck ich aus dem Fenster und da steht ein Rothirsch. Ganz friedlich grast er dort und Luna ist so perplex, dass sie vergisst weiter zu bellen. Normalerweise kriegt sie sich bei Rehen nicht mehr ein, aber hier ist sie ganz fasziniert.
Ich komme mir vor wie Heinz Sielmann in seiner gut getarnten Tierbeobachtungsstation. Dieses wunderschöne Tier in seinem natürlichen Lebensraum zu sehen und dann noch ganz nah, das ist schon wirklich beeindruckend. Als ich meinen Blick wende, sehe ich noch zwei, ganz dicht an der Beifahrertür, die sind aber nicht ganz so mutig, wie unser Freund hier und ich bekomme sie in der zunehmenden Dunkelheit kaum vor die Linse. Aber fast eine Dreiviertelstunde dürfen wir dieses Schauspiel genießen.
Der nächste Morgen ist diesig und nass, vom fantastischen Ausblick ist nichts zu sehen und ich beschließe, das Frühstück ins Tal zu verlegen. Dass aber heute das Entfernen der Keile zur mutigsten Aufgabe des Tages wird, hatte ich nicht erwartet.
Der Endgegner hat zum finalen Duell gerufen. Bisher traten die Biester vereinzelt auf, aber diese Massen… Ich hülle mir ein Tuch über Kopf und Gesicht und versuche, in 30 Sekunden meinen Job vor der Tür zu erledigen, aber es ist hoffnungslos. Gegen die hab ich keine Chance. Innerhalb weniger Sekunden ist meine Hose schwarz und die Luft scheint gesättigt. Mir gelingt es auch nicht, die Biester vor der Türe abzustreifen und so kommt als nächstes im Innenraum die chemische Waffe zum Einsatz: Mückenspray. Auch das ist Natur – nur nicht so schön anzuschauen, wie ein Rudel Rothirsche.
Unten im Tal ist es entspannter, von Midges keine Spur und so frühstücken wir in Lochcarron mit einem fantastischen Blick auf ebendiesen. Das Motto des Tages steht am Haus gegenüber „Peace – Love – Happiness“ und so gehts friedlich, liebevoll und glücklich weiter in Richtung Plockton – im Reiseführer als das fotogenste Dörfchen Schottlands gepriesen. Es liegt geschützt in einer Bucht am Ostufer des Loch Carron und ist nur 10km von der Brücke zur Isle of Skye entfernt
Wegen der geschützten Lage und des Golfstroms wachsen in Plockton sogar Palmen und Frost gibt es hier deutlich seltener als im schottischen Inland. Der Ort wurde Anfang des 19.Jahrhunderts während der Clearences als Fischerdorf geplant und gebaut. Hier sollten vertrieben Kleinbauern eine neue Lebensgrundlage mit dem Heringsfang finden. Die Heringsbestände gingen zurück und so sattelte man auf Hummer und Langusten um, die man in den Restaurants vor Ort frisch serviert bekommt. Auf der gegenüberliegenden Seite fährt die Kyle of Lochalsch Railway, die dem Örtchen bei seiner Entwicklung half. Eine eigene Haltestelle hat das oberhalb davon liegende Duncraig Castle. 1866 von einem Industriellen erbaut, ist es noch heute in Priivatbesitz und kann nicht besichtigt werden.
Ich bummle mit Luna um die Bucht herum, freue mich über die schön gestalteten kleinen Gärtchen an der Promenade, gönne uns beiden ein Eis – natürlich gibt es auch Hundeeis – und bin ein bisschen traurig, dass man hier nicht über Nacht stehen kann. Und dann wirds nochmal lustig, als wir beim Eis schlecken beobachten, dass ein Gruppe Franzosen auf der kleinen Gezeiteninsel die Flut verpasst hat und nun mit viel „Merde!“-Geschrei und hochgekrempelten Hosen durchs Wasser stiefelt. Das ist hier eine sehr angenehme Atmosphäre. Klar sind Touristen da – ich bin ja auch einer – aber die Ruhe, Entspanntheit und „Unüberlaufenheit“ sind sehr angenehm.
Nun kommt die zweitschwerste Aufgabe des Tages: Ich muss mich entscheiden. Wir kommen nämlich genau an der Sky-Bridge wieder raus und da ich es auf dem Hinweg so eilig hatte, könnte ich jetzt für ein paar Tage nochmal in Ruhe Skye-Feeling genießen. Andererseits haben in UK gerade die Ferien angefangen und wenn ich sehe, was hier in Richtung Insel rollt, vergeht mir komplett die Lust. Also nochmal schnell und wehmütig ein Bild von der Skybridge geschossen und lieber weg von hier.
Vermutlich wird der einsame Teil meiner Reise nun erst einmal beendet sein, denn wir müssen durchs Kernland des schottischen Tourismus. Schon im Glen Shiel erhöht sich merklich die Verkehrsdichte und ich scheine einige Eilige mit meiner Genussfahrerei irgendwie auszubremsen. Also rechts ran – bzw. links und ne kleine Wanderung eingelegt. Wir laufen am Flüsschen Shiel entlang und genießen die Blicke ins Tal.
Kurz vor dem Loch Cluanie, mitten im Nichts, gibt es an der Straße ein Restaurant und gegenüber ein Bakehouse. Hier servieren sie ab um 8 richtig gutes Frühstück – das wäre doch mal was: Frühstücken gehen mitten in den Highlands. Und es gibt einen fantastischen freien Stellplatz fußläugig entfernt… nur ist der leider schon besetzt. Ich könnte mich danebenstellen… aber das würde ich auch nicht mögen… also: man muss auch gönnen können. Aber hier mal der Platz ohne den „Gewinnervan“. Gleich am Fluß mit einem Blick… Genial
5km weiter werde ich auch fündig und sooo schlecht steht man hier auch nicht, nur ein bisschen näher an der Straße. Wir verkrümeln uns schon mal ins Bett und ich freue mich auf mein Frühstück in den Highlands …
… auf das ich dann doch verzichte. Warum? Weil die drittschwerste Aufgabe ist, aus der Anzahl der Touri-Hotspots einen clever auszuwählen. Als ich gegen 06:00 putzmunter im Bett liege, ist die Entscheidung gefallen: Das lohnt sich! in 1,5 Stunden bin ich im Glen Coe – meinem absoluten Lieblingstal, da ist es 7:30 und ich frühstücke mit Three-Sisters-Blick. Busse sind da noch nicht am Start und auch der gewöhnliche Tourist kommt später. Hab mir auch schon eine Wanderroute ausgesucht und los. Die Straßen sind leer, ich fahre ganz entspannt und komme am wunderschönen Frühstücksplatz an.
Leider wurde der Parkplatz für meine ausgesuchte Wanderung geschlossen (dort bei dem weißen Häuschen) und deshalb bleiben wir auf dem Hauptparkplatz bei den drei Bergen, die man „The Three Sisters“ nennt. Links zwischen Schwester 1 und 2 verläuft ein Wanderweg, der als sehr schön beschrieben wird. Das ist er auch, aber leider völlig überlaufen. Viele Wanderer, mich eingeschlossen, rechnen auch nicht mit den etwas schwierigeren Kletterabschnitten, aber als ich oben im Hidden Valley angekommen bin, freue ich mich doch über die Entscheidung. Luna läuft frei und brav mit, bereitet sehr vielen Wanderen Freude und lässt deren Stimmen die Oktave wechseln. Leider zieht es sich zu und der Regen macht die Steine glitschig, aber es war eine superschöne Runde. Nur meine Knie zeigen den Daumen nach unten… obwohl ich zum Glück die Stöcke mitgenommen hatte.
Der Wanderweg war schon voll, aber auf dem Parkplatz ist der Teufel los. Meistens springen die Leute nur raus, posieren, knipsen, fahren ab. Auch auf der Straße bildet sich schon ein Stau. Für uns das Zeichen für Aufbruch. Ein paar Kilometer klinken wir uns auf einem kleineren Parkplatz ein, kochen was Leckres zum Mittag, Luna pennt, ich schreibe Blog und beschließe zu warten, bis der Massenansturm nachlässt. Bei einem guten Stellplatz, juckt dich das Getümmel draußen nicht, du bist in deiner eigenen Kapsel. Ich schau in die Berge, beobachte die Touristen, koch mir einen Kaffee und hoffe, dass heute Abend, wenn alle weg sind, die Sonne nochmal rauskommt. Liebe Grüße aus dem Tal der Täler.































Es ist immer wieder faszinierend, deine tollen Tagesberichte und grandiosen Aufnahmen genießen zu können meine liebe Marion … 🫠💖
Ich wünsche euch Beiden einen erholsamen Schlaf und freue mich auf die nächsten Erlebnisse 😘
Guten Morgen, liebe Gabi, im Glen Coe werden wir leider heute nix mehr erleben, denn das spült uns förmlich davon. Aber Dauerregengüsse sind wahrscheinlich die einzige Möglichkeit dieses wunderbaren Fleckchen Erdes, sich gegen die Massen von uns zu wehren 🤭 Lass dich weiter mitnehmen und sein herzlich gegrüßt 🏴❤️