Die Straße der Kuh

Gegen 22:00 Uhr werde ich unruhig. Gerade hab ich den Blog hochgeladen und zweifle an meiner Übernachtungsentscheidung. Eigentlich ist das nicht in Ordnung hier zu stehen. Immerhin befinden wir uns im Naturreservat.  Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, auch wenn der Platz wirklich toll ist. Eine sehr saubere Toilette ist auch nebenan. Na gut, denke ich, da setze ich eben nochmal um. Gar nicht weit weg finde ich einen wunderbaren Platz im Wald. Da stehen schon einige Camper, aber für mich ist eine Art asphaltierte Minisackgasse noch frei. Da passe nur ich alleine rein, und fühle mich wie in einem Zimmer aus Blättern. Das ist in der Nacht auch sehr praktisch, denn es stürmt, dass die Bude wackelt, dazu gießt es aus Kannen. Ein Blick auf die Wetterapp verrät: das soll noch eine Woche so weitergehen… na dann Mahlzeit.

Am Morgen ist immer noch alles Grau in Grau, aber Regen und Sturm lassen nach. Gerade fertig mit Frühstück und Morgentoilette, sehe ich, wie etwas durch mein Waldzimmerchen huscht. Was war das denn? Hier ist doch gar kein Weg? Kurz darauf nochmal… und dann: nocknocknock, klopft es an der Tür. Luna ist auch einigermaßen erschrocken und ich öffne irritiert. Und wer steht draußen? Mister Bean. Natürlich nicht der echte, aber die Ähnlichkeit ist verblüffend. Auch die Bewegungen, lang und schlaksig fuchtelt er mit seinen Armen, entschuldigt sich vielmals, er würde sonst nicht klopfen, aber er sei ein Mitarbeiter des Highland Council und hätte eine Frage: Könnten Sie vielleicht ein Stück zurückfahren. Die Vorderreifen stehen auf dem Gras und nicht auf dem Asphalt. Und ob ich gestern hier ein Feuer entzündet hätte – er zeigt auf die verkohlten Reste. Außerdem möchte er mir die kleine Broschüre „Enjoying the Highlands in your motorhome“ überreichen und, nur für den Fall, dass ich ein Chemie-Toilette hätte, die könne ich in Inverewe gegen eine Spende leeren. Ich verneine das Feuer, entschuldige mich für das Gras, bedanke mich für Tipps und Broschüre und beteure sowieso gleich loszufahren, damit das Gras nicht noch mehr beschädigt wird. Mister Bean ists zufrieden, verabschiedet sich und sammelt die Lagerfeuerreste in einen großen Beutel bevor er in seinem kleinen weißen Higland-Council-Auto weiterfährt. Na Mister Bean das hätte auch schief gehen können. 5 Minuten früher stand ich noch nackig am Waschzuber 🙈

Da mein Waldzimmer keine Fenster hat, möchte ich zum Frühstück lieber einen Platz mit Aussicht – bei dem Wetter eher unter 10m. Ich setze zum nächsten Parkplatz um, da hat man freie Sicht auf den See und wer ist schon da? Mr. Bean. Er hebt Papier auf, kontrolliert die dort stehenden Womos – hier durfte man für Geld übernachten und füllt die Prospekte nach. Und da geht mir ein Licht auf: Gut dass ich meinem Bauchgefühl gestern Abend getraut habe. Wenn der hier jeden Parkplatz abklappert, dann hätte ich heute Morgen sicher Stress gekriegt – und wer will schon Stress mit Mr. Bean. Also: Follow your instincts – das ist nicht das schlechteste Motto.

Heute wöchte ich in Richtung Applecross fahren. Das ist eine wirklich spektakuläre Strecke, vor allem über den Pass, aber wenn draußen alles Grau in Grau ist und die Wolken tief hängen…macht das dann noch Sinn? Ich fahre erstmal los und bin begeistert vom Glen Torridon, dass sich an der 896 zwischen Inverewe und Torridon entlangzieht. Bei den Fotostopps haut mich der Wind zwar fast um, aber da es sich dadurch langsam auflockert und schon erste blaue Löcher zu sehen sind, bin ich sehr dankbar dafür.

Torridon ist als Wanderparadies bekannt und auch ich finde für uns eine Runde bei Komoot, die meinem Fitnesslevel entspricht. Interessant ist, dass hier ganz viele Rhododendren wild wachsen. Als ich mir gerade vorstelle, wie es wohl aussieht, wenn die alle blühen, weist mich ein Schild darauf hin, dass es invasive Pflanzen sind, die mit Hilfe von EU (!!)- Fördermitteln vernichtet und durch heimische Pflanzen ersetzt werden. Vernichtet ja, aber noch nicht ersetzt.

mit Rhododenron
ohne

Im Laufe der Wanderung reißt der Himmel immer weiter auf und ich weiß gar nicht wohin mit meiner Freude. Kaum ein Wanderer begegnet uns, nur ein freundliches Paar in der Gegenrichtung. Luna kann ohne Leine laufen, Schafe gibts hier nicht und wir genießen die herrliche Zeit am Loch Torridon.

Sehr auffällig sind in dieser Gegend die großen Kiefer. Die Regenerierung des traditionellen Kiefernbestandes ist in ein großes Thema und so kümmern sich verschiedene Vereinigungen darum, den kaledonischen Urwald von einst wieder wachsen zu lassen. Auf dem Rückweg treffen wir das Paar wieder und kommen in ein kurzes Gespräch. Sie empfehlen mir, unbedingt die Küstenstraße nach Applecross zu nehmen. Da hat man Ausblicke – incredible!!! Und was soll ich sagen??? Es stimmt!

Auf der schmale Single Track Road kommt nur selten ein Fahrzeug und so kann ich genießen und auch mal einfach kurz anhalten. Dazu dieses fantastische Wetter mit den Wolken und Farben wie gemalt – ich bin einfach hin und weg. Seit 1976 windet sich diese 40km lange Alwetter-Straße an der Küste hin. Kurz vor Applecross nehmen dann die Isle of Skye und vorgelagerte Inseln den Blick des Betrachters gefangen. Im fernen Dunst erscheinen die Hügel und bilden einen fast schrenschnittartigen Kontrast zum glitzernden Wasser.

Applecross zieht sich entlang einer Bucht und besteht wahrscheinlich nur aus einer Häuserzeile. Hier gibts ne Kneipe, einen Eismann, eine Saune und die höchste Verbotsschilderdichte der heutigen Fahrt. Deshalb halte ich mich nicht weiter auf und starte nach einem kurzen Bummel zur letzten Herausforderung des Tages: Dem Weg der Kuh.

Applecross

Bevor die Küstenstraße gebaut worden war, konnte man das Dorf nur über die 626m hohe, sehr steile und gefürchtete Passstraße Bealach na Ba erreichen. Das heißt soviel wie die „Straße der Kuh“, weil dieser Pass einer der traditionellen Viehtriebwege war. Hier entlang trieb man die Rinder von der Applecross Halbinsel zum Markt ins Landesinnere. Das war damals eine schweißtreibende und tagelange Reise für Mensch und Tier. Maximale Steigungen bis 20%, zahlreiche enge Serpentinen, und mit 626m eine der höchsten Straßen Schottlands – das ist auch heute noch ein Herausforderung. Im Winter ist der Pass zeitweise nicht passierbar. Aber mit Geduld und Ruhe schafft das der Dicke locker.

Unterwegs begegnet uns Rotwild und oben werden wir mit einem Blick zu Isle of Skye in wechselnden Lichtstimmungen belohnt. Der Abstieg auf der anderen Seite ist noch steiler, zum Glück fahren wir den nur runter.

Nach ungefähr zwei Dritteln des Abstiegs wird die Straße flacher und am Rand tut sich einer der wenigen geraden Parkplätze auf, der keine Ausweichbuchte ist. Fantastische Aussicht und keine Verbotsschilder – das ist mein Platz. Das bisschen Schräge niveliere ich mit den Keilen und so schlafen wir heute mal wieder in Alleinlage. Diesen Ausblick – auf Loch Carron und Loch Kishorn hast du in keinem Hotelzimmer. Liebe Grüße vom Rand der Straße der Kuh und kommt gut durch die Nacht.

Blick aus der Womotür

2 Kommentare zu „Die Straße der Kuh“

  1. Muuuuuh!
    Atemberaubende Fotos von diesem traumhaften Fleckchen Erde. Ich gönne dir all diese Glücks- und Freudenmomente, die sich nahezu ablösen.
    Es wurde ja auch fast noch spannend und träumen darf man ja noch…. Mann oh Mann, wenn der Mr. Bean ein bisschen eher gekommen wäre…..
    Nun schlaft gut vor dieser filmreifen Kulisse!

    Liebe Grüße,

    Ruth und Lotte

    1. Guten Morgen, liebe Ruth und lieben Dank für deine Worte. Es ist wirklich ein wunderschönes Fleckchen Erde. Gestern bekamen wir am Abend noch den Bonus, das drei Rothirsche das Gras an unserem Womo am leckersten fanden. Fast eine Stunde konnten wir sie ganz nah beobachten. Das war so toll 🥰🥰🥰
      Schöne Grüße und fühl dich umarmt.

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