Ein Clan für alle Fälle

Die Überfahrt von Stornoway nach Ullapool dauert vier Stunden und da wir sehr pünktlich eingecheckt haben, sind wir die ersten in der Pet-Lounge. So können wir uns direkt ans Fenster setzen, sehen Stornoway am Horizont verschwinden, den nächsten Cruiser im Hafen liegen und den „Dicken“ unter uns auf dem Autodeck zwischen zwei LKWs doch gar nicht so dick aussehen… alles nur eine Frage der Relationen. 

Erst als ich oben in der Lounge bin, sehe ich den Hinweis: Hier dürfen nur Hunde mit Tickets verweilen. Und ja, stimmt, auf meinem steht: pet in the car… Na dann sag ich halt, Luna hat ihr Ticket im Auto vergessen – aber es fragt sowieso keiner. Ganz brav verpennt sie die Überfahrt und lässt sich auch von den vielen anderen Hunden nicht aus der Reserve locken.

In Ullapool ist ganz schön was los – das hatte ich viel ruhiger in Erinnerung – und so machen wir uns gleich aus dem Staub. Wir fahren am Loch Broom entlang biegen dann rechts ab in Richtung Badcaul und legen eine kurze Wanderpause ein, bis ich merke, dass ich das genau an der Stelle auch beim letzten Mal gemacht habe.

Auf der A832 ist nun kaum noch jemand unterwegs. Dafür wird die Landschaft umso schöner. Und am An Teallach Viewpoint finden wir einen fantastischen Stellplatz. Luna kann leinlos glücklich sein, neben uns große Wiesen und ein plätschernder Bach. Außerdem ist der Blick auch die Berge einfach fantastisch. 

Wir wandern noch ein bisschen durch die sumpfigen Wiesen, ziehen uns dann ins Womo zurück und werden vom Wind in den Schlaf geschaukelt.

Am nächsten Morgen stürmt und regnet es, ich habe schon fast den Verdacht, dass es heute kein so schöner Outdoor-Tag wird, aber wir zuckeln mal los. Entlang der Gruinard Bay und der Küstenlinie des Loch Ewe überraschen immer wieder spektakuläre Ausblicke, aber bis es dann doch ein bisschen aufreißt, haben Fotos keinen Sinn. Aber dann lohnt es sich doch:

 

Pünktlich bei unserer Ankunft am Inverewe Garden kommt die Sonne durch. Wie genial!!

Inverewe Garden ist eigentlich ein „unmöglicher Garten“. Als der Gründer Osgood Mackenzie das Gelände 1862 von seiner Mutter geschenkt bekam, sie hatte es ihm als neues Zuhause gekauft (vielleicht ein Wink mit dem Zaunspfahl doch endlich mal auszuziehen??),  bestand es nur aus nacktem Fels, Heide und Torf. Auf den 12000 Morgen wuchsen nur zwei Zwergweidenbüsche – so die Legende.  Immerhin befinden wir uns auf 58° nördliche Breite und damit ist der Garten einer der nördlichsten botanischen Gärten der Welt. Eigentlich müssten hier harte Winter herrschen, aber der Golfstrom machts möglich. So schaffte Mackenzie große Mengen Erde heran und pflanzte zunächst tausende Kiefern als Windschutz. Schon bald kamen Rhododendren, Eukalyptus, Bambus, Seerosen, Farne, Azaleen, Magnolien und zahlreiche weitere Pflanzen dazu. Eine Besonderheit des Gartens ist auch, dass aufgrund der Artenvielfalt einer der Rhododendrenbüsche immer blüht. Am schönsten finde ich aber den ummauerten Küchengarten (Walled Garden), in dem Nutz- und Zierpflanzen nebeneinander gedeihen und man einen grandiose Ausblick auf Loch Ewe hat.

Ich bin im Paradies und mit mir erstaunlich wenige Menschen. Nur zwei weitere Autos stehen auf dem Parkplatz. So haben wir dieses fantastische Reich ganz für uns allein. 1922 starb Mister Mackenzie und übergab seinen Garten an seine Tochter, die sein Erbe bis 1952 pflegte. Heute sorgt sich der National Trust for Scotland wirklich vorbildlich um den Erhalt und sichert damit das Vermächtnis eines ehrgeizigen Mannes, der gesagt haben soll: „Man sagte mir immer wieder, hier würde nie etwas wachsen. Das war genau der Grund, warum ich es versuchen wollte.“

Weiter gehts nach Gairloch am Loch Gairloch. Heißen hier die Dörfer eigentlich nach den Lochs oder umgekehrt? Auf der rechten Seite ein Coop – prima. Dann nichts wie auf den Parkplatz und als ich in der Parklücke bin, ergibt sich folgendes Bild:

Der neben mir parkende Ford Transit hat auf seinem Beifahrersitz auch einen Aussie sitzen und weil er Rechtslenker ist, saßen beiden nun genau Scheibe an Scheibe und staunten nicht schlecht. Ich hab erstmal laut über die zwei Fellnasen gelacht.

Nach einem ausführlichen Auffüllen der Bestände laufe ich noch ein paar Meter weiter ins örtliche Museum. Für dieses kleine Dorf ist das Ding wirklich der Knaller. In einem alten Atombunker haben die Engagierten etwas gezaubert, was seines Gleichen sucht. Neben Kunstausstellungen, völlig ausgebuchtem Bistro, Buch- und Kunstgewerbe-Laden gibt es hier Ausstellungen zu verschiedenen Themen. Geschichte des Ortes, Geschichte der Gälischen Sprache, Geschichte des 2. Welt- und des Kalten Krieges, Geologie und Tiere der Gegend… Ganz liebevoll gestaltet, vielfach zum Mitmachen und Anfassen gedacht, überzeugt es mich völlig, obwohl es erst doch recht unscheinbar daherkommt. Aber ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Tatsächlich gibt es ein Strickmuster, das im Ort erfunden und zunächst bei Socken verwendet wurde. Man sieht die doppelte Rautenform ganz gut oben im Bild. Und wie es der Zufall so will hat die Mutter unseres lieben Gartenfreundes wieder die Hände im Spiel. In den 1840er Jahren ließ Lady Mary Hanbury Mackenzie in Gairloch junge Frauen im kunstvollen Stricken ausbilden. Das verschaffte vielen Crofterfamilien während der Missernten ein Nebeneinkommen. Zeitweise waren das über 100 Frauen und ihre Strümpfe kamen an. Sie galten als sehr haltbar und doch weich und die Gairlochstrümpfe mit dem typischen Muster wurden bis nach Edinburgh oder London verschickt.  Heute gibt es auch Westen oder Pullis mit dem Muster und natürlich findet sich im Shop auch eine Vielzahl an Strickanleitungen. Die Gairlocher sind pfiffig und bewegen was. Zum Schluss möchte ich noch hervorheben, dass man im Museum aufgefordert wird, ein Erdbeben auszulösen. Bei meinem Gewicht kein Problem, denke ich. Erst ist es nur ein ganz kleines – dann strenge ich mich noch einmal ein bisschen an und schaffe noch ein ganz akzeptables.

Ich habe Hunger und weil das Bistro im Museum rappelvoll ist – das Museum selbst eher nicht – koch ich einfach mal wieder mit dem Omnia. Der Kühlschrank ist ja voll und einen Parkplatz hab ich auch. Genau am Eingang zum Flowerdale Glen, an der Brücke vor dem The Old Inn. Ziemlich lauschig hier. Heute gibte es gebacken Süßkartoffelchips mit Hänchenbrust ala Feta-Tomate. Mega!!

Gestärkt machen wir uns auf den Weg in Flowerdale Glen. Das gehört zum Estate of Gairloch und wird vom Laird auch gut ausgeschildert. Überall hat er Verbote, Hinweise, Erklärungen, Wegweiser in unübersehbarem Türkis aufgehängt. Auch das man sich nicht erschrecken soll, wenn hier ab und zu geschossen wird – zur Jagd halt.

Diese Insel hier mitten im Sumpf ist z.B. die Justizinsel, auf der der Laird früher Recht gesprochen hat und, so vermute ich, die Schuldigen auch gleich in selbigem versenkt hat. Warum sonst sollte er betonen, dass der Graben seeeehr tief ist. Irgendwie kommt mir das auch heute noch vor wie eine Drohung.

Übrigens heißen die Lairds vor Ort auch heute noch Mackenzie…, ja…, den Namen hatten wir schon. Tatsächlich ist es so, genau aus dieser Familie stammten unser Gartengründer und seine Mutter. Bis heute genießen die Herrschaften einen vergleichsweise gute Ruf, weil sie während der „Clearances“ keine Pächter von ihrem Land vertrieben oder zwangsgeräumt haben. Das war in den Highlands eher die Ausnahme. Heute kann man auf ihrem Gelände einen Rundweg zu kleinen Wasserfällen laufen, was wir im beginnenden Regen dann auch tun. 

Am Ende der Tour finde ich  eine Mauer mit Bronzeplakette: Ian Dall MacKay – The blind piper of Gairloch. Ein bisschen Recherche bringt Licht ins Dunkel. Hier lebte ein berühmter Dichter, Komponist und Dudelsackspieler. Im Alter von sieben Jahren wegen einer Pockenerkrankung erblindet, entwickelte er trotzdem erstaunliche musikalische Fähigkeiten. Sein Vater schickte ihn daraufhin auf eine Dudelsackschule auf der Isle of Skye, wo ihn die besten Meister seiner Zeit unterrichteten. Nach seiner Rückkehr wurde er der Haus-und-Hof-Piper der Mackenzie’s von Gairloch. Ihm werden ca. 25 Kompositionen für Dudelsack zugeschrieben, von denen einige noch heute zu den Klassikern zählen. Sein Chanter – seine Spielpfeife – kann man noch im National Piping Centre in Glasgow besichtigen. Musikgeschichte im Flowerdale-Glen. Spitze!

Nun mache ich mich auf die Suche nach einem Nachtplatz. Direkt am Ufer des Loch Maree – man sieht den roten Punkt auf dem ersten Bild – werde ich fündig… naja.. herrlich ist es hier, aber eigentlich nicht erlaubt. Allerdings durfte ich ein Ticket bis 23:59 Uhr ziehen und damit ist das schon mal legal. Denkt ihr, dass danach nochmal jemand kontrolliert? Ich bin auch gaaaaanz leise und lass garantiert nix liegen. Schaunmerma! Kommt gut durch die Nacht und wünscht mir Glück.

Wenn solches Wetter nachts ist, hab ich nix dagegen.und gerade fängt es auch noch an zu schütten.

3 Kommentare zu „Ein Clan für alle Fälle“

  1. Liebe Marion,

    wenn ich heute einen Preis für den besten Schnappschuss vergeben müsste, dann wäre mein Favorit aus einer Vielzahl atemberaubend schöner Fotos das Bild; „Aussie meets Aussie“!
    Ich liebe solche besonderen Hundemomente. Das Bild ist einfach hundebar….

    Gute Nacht, ihr 2 und viel Glück!

    Ruth und Lotte

  2. Das geht mir auch so 😆 Ich fahre in die Parklücke und musste erstmal laut lachen. Vor allem weil der andere Aussie auch dalag, wie das Luna oft tut: tiefenentspannt und Schnauze am Fenster. Das war echt lustig.
    Heute ist hier wirklich gruseliges Wetter – kalt, Regen, Sturm- ,mal schauen, obs besser wird. Sei lieb gegrüßt 🐶🐶❤️🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿

  3. Schade, dass man das Beamen noch nicht erfunden hat, sonst wäre ich mal kurz vorbei gekommen…. Was für ein wundervoller Garten mit einer so schönen Geschichte! Und? Hast du Wolle im Shop gekauft oder bist du standhaft geblieben? 😅

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