Golden road

Wir frühstücken am Loch Seaforth einem 25 km langen Meeresarm, der  die Inselteile Lewis und Harris wie ein glitzernder Armreif voneinander trennt. Nur wenige Siedlungen liegen an seinen Ufern und im morgendliche Licht ist er wunderschön.

Heute möchte ich mir die kleine Insel Scalpay westlich von Tarbert anschauen. Auf diesem beschaulichen Fleckchen Erde lebten  nur ein paar Fischer und die kamen per Boot hinüber nach Harris, wenn es denn nötig war. Als aber 1997 die 103-jährige Kirsty Morrison ihren Fuß als Erste auf die neuerbaute Brücke setzte, brach für alle ein neues Zeitalter an. Von nun an kamen Touristen auf die Insel und sie wurde eine Art Vorort von Tarbert. Kirsty war damals die älteste Bewohnerin der Insel und hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Das mit dem Fuß ist allerdings nur rhetorisch gemeint. Tatsächlich fuhr sie in einem Oldtimer.

Ich bin zwar nicht 103, aber in einem Oldtimer fahre ich auch (fast) und zwar bis in den Hafen. Dort beginnt unsere heutige Wanderung in Richtung Eilean Glas Leuchtturm am anderen Ende der Insel.

Blick zum Hafen

Die Insel ist zerklüftet, regelrecht an den Rändern ausgefranst und dann geht es hier immer wieder hoch und runter in kleinen Wellen und so bekommt die Gegend einen  lieblichen Charakter. Überall liegen kleine Gehöfte, versteckte Bothys und dazwischen Teiche, Tümpel, Lochs. Herrlich!

Durch die Schären gleitet in der Ferne still die Fähre hinüber zur Isle of Skye und an einem Haus scheint es besonders gutes Vogelfutter zu geben. Da ist mächtig was los.

Am Ender der Straße gehts dann wieder übers Hochmoor und weich federnden Torfboden bis zum Leuchtturm am Ende der Klippen. Der ist schon von Weitem zu sehen und ist das älteste Leuchtfeuer der Äußeren Hebriden und einer der ersten vier in Schottland. 1789 wurde hier das erste Leuchtfeuer entzündet.

Der erste Leuchtturm an dieser Stelle war allerdings architektonisch nicht ganz so der Knaller. Deshalb konstruierte Robert Stevenson – übrigens der Großvater des Schriftstellers Robert Louis Stevenson – 1824 den heutigen neu. Nach 190 Jahren im Dienst wurde der Leuchtturm 1979 automatisiert und heute betreibt ein altes Pärchen ganz liebevoll ein Café, das zugegebenermaßen ein bissl angestaubt ist im alten Maschinenraum.

Bei Tee und Möhrenkuchen frage ich mich, wofür ein Leuchtturm solche Maschinen braucht. Die Erklärung wird gleich mitgeliefert: für das Nebelhorn. Die hier hergestellte Druckluft wurde in den Tanks vor der Tür gespeichert und bei Bedarf an das Nebelhorn abgegeben. Von 1907 bis 78 war das ziemlich große Horn damit in der Lage, aller halben Minute einen siebensekündigen Warnton bei Nebel abzugeben.

Am schönsten ist aber die Aussicht und das ganze Ensemble. Man kann über den Minch bis zur Isle of Skye hinüberschauen, an guten Tagen sieht man sogar das schottische Festland. Auch die Tierwelt ist vielfältig, ich muss aber aufgrund meiner ambitionierten Begleiterin nur eine Tierart im Auge behalten: Schafe.  

Wir laufen den Klippenweg zurück und kommen nach 12km wieder am Hafen an. Unterwegs treffen wir den Postboten und die Müllabfuhr und werden von beiden schon freundlich gegrüßt, als wir wiederholt ihren Weg kreuzen. Auch der fliegende Händler ist unterwegs und bietet seine Waren an. Darüber hatte ich schon im Bildband „Hebrides“ von Peter May gelesen und nehme das Bild seines Fotografen mal hier mit auf, weil ich es so schön finde.

Jetzt will ich aber doch noch die „Golden Road“ fahren. Das ist die Single Track Road im Westen von Harris. Entgegen der von fantastischen Sandstränden gesäumten Ostküste ist die Landschaft hier eher karg und steinig. Sie führt durch ein Landschaft, die zu den geologisch ältesten ganz Europas zählt,  das Gestein, Lewisian Gneiss ist rund 3 Milliarden Jahre alt und zählt zu den ältesten der Erde.  Vielleicht trägt die Straße ja das Attribut „golden“, weil der Straßenbau durch dieses harte Gestein sehr teuer war, andere vermuten, dass die Verbindung den vormals abgelegenen Dörfern Wohlstand brachte, sie also vergoldete. Die wilde Landschaft ist beeindrucken. Immer wieder neue Blickwinkel eröffnen sich, Buchten, Felsen, mit Seerosen bedeckte Teiche und kleine Siedlungen wechseln sich ab und Ausblicke zum Meer überraschen nach fast jeder Kurve. Nur Fotostopps sind schwierig, denn hier ist es wirklich eng. Einspurig und ab und zu Ausweichbuchten – das wars meistens. Trotzdem gibt es ein paar Bilder, manche hinter der Frontscheibe geschossen, denn mal kurz halten geht: hier ist kaum Verkehr. 

Neben der fantastischen Landschaft habe ich an der Golden Road zwei Ziele ausgesucht. Zum einen das Harris-Tweed Museum. Ein völlig unscheinbares Haus mit mir als einzigem Gast empfängt mich ohne Anwesenheit eines Menschen und ehrlicherweise fand ich meinen gestrigen Besuch bei den Three Sisters interessanter. Einzig der am Eingang ausgestellte Bildband von Ian Lawson „From the land comes the cloth“ hat mich begeistert. Wie er darin in einem Teil des Buches die Farben der Insel mit denen des Tweeds gegenüberstellt, finde ich sehr gelungen. Hier ein paar Beispiele.

Bilder von Ian Lawson aus dem Buch "From the land comes the cloth"

Warum dann im angeschlossenen Tweed-Shop nur Jackets im Altherrengrau hängen, erschließt sich mir nicht. Die Ausstellung an sich ist nett, aber nicht beeindruckend.

Fasziniert war ich dann allerdings beim vorletzten Stopp des Tages, der Galerie von Margarete Soraya – ihr erinnert euch vielleicht, die stand doch mit ihrem Van an meinem ersten Tag am Strand von Lyskentyre neben mir. In einem kleinen Extrahäuschen hat sie ihre Fotografien und Mixed Media Kunstwerke ausgestellt, einfach so, mit Kasse des Vertrauens, QR-Code zu PayPal für teurere Werke. Und die hängen da alle wunderschön in einem sehr ansprechenden Ambiente. Mein Favorit passt mit 175 Pfund nicht in mein Urlaubsbudget, aber ich genieße meine kleine Auszeit ganz allein in der Galerie.

Hauptthema ihrer Arbeit sind Wasser und Wellen, sie spielt viel mit Bewegung und fängt die Stimmung am Meer ein.

Ich fahre erfüllt weiter und hoffe, vielleicht doch mal auf einen Platz am Rande der Straße. Bisher hatte ich kein Glück, aber 6 km vor ihrem Ende hat die Straße einen wunderbaren Parkplatz für die Nacht  im Angebot.  Mitten im uralten Gestein mit wunderbarem Rundumblick in die einzigartige Landschaft beziehen wir unser Quartier für die Nacht. Mit Essen, Lesen, Schreiben und in Lunas Fall Schafe beobachten kommen wir zur Ruhe und wünschen auch euch eine gute nacht.

4 Kommentare zu „Golden road“

  1. Liebe Schulzi,
    jetzt haben wir in Jena ähnliche Temperaturen wie du während deiner Reise – zum Fahren und laufen ideal.
    Es ist wie immer eine Freude, deine Bilder und Kommentare zu sehen und zu lesen.
    Ich genieße jeden Tag mit dir.
    Hab weiterhin einen schönen Urlaub.
    Liebe Grüße

    1. Ich finde es ganz beruhigend, das das schottische Wetter mal eingezogen ist, zumal es im Cairngorms NP und am Arthurs Seat in Edinburgh brennt… im nassen Schottland 🙈
      Schön, dass dir meine Zeilen gefallen und du wieder mitreist. Mal sehen obs heut am Regentag außer lesen und stricken was zu tun und zu berichten gibt 😂
      Liebe Grüße

  2. Liebe Marion,

    jetzt ist es 23:00h und das Licht hat sich in der Bretagne verabschiedet. Ich werde jetzt mit all deinen schönen Bildern im Kopf einschlafen. Ich bewundere deinen Mut immer wieder mutterseelenallein in der Einsamkeit zu übernachten. Lunchen, pass gut auf dein Frauchen auf.

    Nachtiii und Drücki,

    Ruth und Lotte

    1. Bewundern musst du mich nicht. Wenn es ernst zu werden scheint, bin ich dann doch ein Schisser. Vorgestern Abend kam 23:30 Uhr anscheinend jemand mit einer taschenlampe den Berg hinauf. Die strahlte genau in mein Womo. Da ging mir dann doch das Müffchen. Aber irgendwie stellte sich heraus, dass die Lichtposition sich gar nicht veränderte. Hatte da einer sein Zelt aufgeschlagen?? Da ich das nicht rausbekommen konnte, schloss ich rundherum ab, zog die Rolläden runter und hab mich schlafen gelegt. Morgens sah ich an der Stelle eine Art Schafstall. Vielleicht brauchten die Lämmer abends Licht… wer weiß.😂

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