Three sisters

Es gibt mehrere Orte in Schottland, die den Namen Uig tragen. Einerseits der Fährhafen auf der Isle of Skye und andererseits der Ort, an dem die Lewis Chessman gefunden wurden. Ihr erinnert euch? Die tollen Schachfiguren, die im Museum z.B. in Stornoway stehen. Weil es dort einen unfassbar großen Sandstrand gibt, nennt man das auch Uig Sands –  links auf der Karte bei dem Schirm. Der ist heute allerdings wirklich nur symbolisch, denn die Sonnentage sind auf den Hebriden im Moment Vergangenheit.

Beim blauen Punkt sitze ich jetzt gemütlich mit einem Kaffee und schreibe mit Vergnügen meinen Blog, weil das der erste bisherige Spot meiner gesamten UK-Reise mit 5G ist, aber das nur nebenbei.

Wir sind gestern Abend in Uig angekommen und haben einen Parkplatz vor dem örtlichen Kunsthaus mit eigentlich fantastischer Aussicht bezogen. Leider hatten wir gestern Abend nicht viel davon, obwohl es bis 23:00 Uhr hell ist – alles wolkenverhangen. Heute in der Früh klärt es etwas auf und wir haben Frühstück mit Aussicht und ein wunderbare Morgenrunde. Das Wasser hat sich aus der riesenhaften Buch zurückgezogen und überall ist feinster, weißer Sand.

Von unten ist die gesamte Bucht gar nicht einzusehen, deshalb gehts jetzt noch einmal hoch in Richtung Aussichtspunkt auf den  Forsnabhal. Ein vorwitziger Camper hat sich hier einfach hinter dem Gatter einen super Stellplatz mit Aussicht organisiert, das hätte ich mir nun nicht getraut und der Weg zum Gipfel ist für den Dicken wahrscheinlich auch ein bissl zu steil – da wandern wir lieber. Jetzt öffnet sich vor uns die ganze herrliche Bucht von Uig Sands – wunderschön. Da unten in der Mitte bei dem letzten Haus haben wir gestanden.

Auch in die andere Richtung ist der Ausblick aufs Meer atemberaubend und selbst wenn das Wetter nicht mehr sonnenklar ist, so mag ich doch diese tiefen Wolken und die typische schottische Wetterlage ganz gut leiden. Callum kommt den Berg hinauf. Er scheint den Aufstieg als morgendliches Fitnessprogramm zu absolvieren. Mitte 50 würde ich ihn schätzen und er lebt seit 8 Jahren auf den Hebriden. Was man denn hier so tut, frage ich ihn und er meint, es gäbe einige, die in der Rente hierherzögen. Aber auch im Handwerk (Bau) oder Tourismusgewerbe könnte man tätig sein. Schafzucht, Fischfang und Textilproduktion seien nicht mehr so weit verbreitet wie früher. Auch einige Künstler leben hier.

Er macht mich auf den Torf ringsumher aufmerksam. Den könne man einfach so stechen. Zu kleinen Kegeln aufgestellt, müsse er nur entsprechend lange trocknen, dann würden die Torfbriketts wunderbar heizen. Das wundert mich sehr. Moore sind – zumindest in Deutschland – doch geschützt. Klimaschutz, Wasserspeicher, Artenvielfalt. Auch auf den Hebriden ist das so, aber aufgrund traditioneller Nutzungsrechte darf man hier vielerorts noch Torf stechen. Zum Glück, meint Callum, sind die meisten Leute heute zu faul und heizen lieber bequem mit Öl. Er lacht, winkt und flitzt den Berg wieder hinunter. Wir schlendern gemütlich hinterher und als wir am Van vorbeikommen, sitzt ein junges Pärchen gerade beim Kaffee. Ach die kennen wir doch schon von gestern an der Mühle. Der  sehr alte Hund hat ein lahmes Bein, ich frage, wie es ihm geht und wir freuen uns über das Wiedersehen.

Auf der anderen Seite der Bucht steht an der Fundstelle der Chessman eine Holzplastik  – des Königs natürlich. Daneben ist ein kleiner Campingplatz, aber den brauchen wir nicht mehr, denn nun will ich doch mal beim Steinkreis in Callanish vorbeifahren…

So wie es heute vielerorts Kirchen oder wahlweise Fußballstadien gibt, waren im Neolithikum (der Jungsteinzeit) wahrscheinlich die Steinkreise in Mode gekommen. In Schottland gibt es davon schon unheimlich viele, die man heute noch kennt. Und auch hier in Callanish sind noch mindesten 18 weitere Steinsetzungen bekannt. Damit bildet der Ort und seine Umgebung das größte zusammenhängende Steinkreis-Areal Europas.

Callanish entstand etwa 2800 v.Chr. und ist damit älter als Stonehenge. Während viele Steinkreise wirklich kreisförmig angelegt sind, haben wir es hier mit einer eher eiartigen Form zu tun und neben dem 5m hohen Zentralstein führen verschiedene Steinreihen strahlenförmig nach außen. Innerhalb des Kreises wurde ein kleines Kammergrab eingefügt und aus der Luft ähnelt die Anlage einem Kreuz. Im 19.Jahrhundert ragten nur noch die Steinkuppen aus dem über Jahrtausende gewachsenen Torf, bis sie 1857  wieder freigelegt wurden.

Das angeschlossene Visitor-Center ist klein, aber sehr schön gestaltet. Neben einer Austellung gibt es auch einen kurzen Film. Der erzählt unter anderem die Sage der Cailleach na Monteach – der Hexe des Moores.  Der hohe Mittelstein soll diese alte Frau der Sage nach darstellen. Jeden Morgen umrundet sie den Steinkreis – ihren versteinerten Hofstaat – der erst dann zum Leben erwacht. Sie ist die Herrscherin über die wilde Natur, eine Art Göttin, die die ungezähmten Kräfte der Natur verkörpert.

Auch für die Steinkreise der Outlanderserie und den Film Merida – Legende der Highlands war Callanish Vorbild und so lebt ein 5000 Jahre altes Monument bis heute in den Geschichten immer weiter.

Nach all der Historie gönne ich mir im angeschlossenen Café eine Pause mit Tee und meinen geliebten Scones. Auch der kleine Shop hält Überraschungen bereit für den Fall, dass man seinen Hund zweisprachig erziehen möchte.

Mein nächster Stopp ist „The Weaving Shed“. Eine der wenigen noch existierenden Handwerksbetriebe, die in alter Tradition Tweed weben. Etwas abseits der Hauptstraße in einem kleinen Dörfchen lerne ich Martha kennen. Gerade hat sie einen Kunden verabschiedet und nun bin ich allein mit ihr im hübschen Atelier. Da ich während unseres Gesprächs nicht die ganze Zeit knipsen wollte, stammen die folgenden drei Bilder von ihrem Internetauftritt.

Martha erzählt mir, dass sie die Weberei von einem alten Mann übernommen haben, der keinen Erben hatte. Er weihte sie in die Geheimnisse des Webens ein und neben ihrer Ausbildung in der Textilgestaltung hat sie sehr viel von ihm gelernt. Ihre große Schwester Miriam hat die Firma gegründet und entwirft die Stoffe und Produkte, Mary fertigt die Lampenschirme und Knöpfe und Martha ist die Weberin. 

Die Frauen haben sich dagegen entschieden, den klassischen Harris-Tweed als Marke zu nutzen. Dadurch wären sie zu eingeschränkt, berichtet Martha. Harris-Tweed ist einer der am strengsten geschützten Stoffarten der Welt. Man muss die Vorgaben des Harris Tweed Act von 1993 erfüllen. Dazu gehören folgende Kriterien:

1. 100% Schurwolle

2. Färben und Spinnen auf den Äußeren Hebriden

3. Handgewebt von einem einzelnen Weber

4. Weben im eigenen Wohnhaus

5. Gesamter Herstellungsprozess auf Lewis, Harris, Barra oder Uist

6. Veredelung, also walken, waschen, trocknen, prüfen.. auf den Äußeren Hebriden.

Das, meint Martha,  sei ihnen zu eng und so haben sie ihr eigenes Label: Three Sisters Tweeds, das gäbe ihnen mehr Spielraum

Gewebt wird traditionell auf einem etwa 90 Jahre alten Hattersley Webstuhl  und Martha erklärt mir, dass der ca 990 Kettfäden spannen kann. Dass sind diese vielen hellen Fäden, die man hier sieht und die immer abwechselnd nach oben und unten gespannt werden. Dazwischen schießt das Schiffchen hindurch, bevor die Kettfäden die Richtung wechseln. Wie man fast 1000 Fäden auf die Spule bekommt, ist mir völlig schleierhaft, doch Martha erklärt mir auch das mit Begeisterung. Die Kettfäden werden in der richtigen Anzahl und Länge als geflochtener Zopf geliefert. Ein blauer hängt hinter mir. Dann braucht man zwei Personen, die diesen Zopf entfalten und durch dieses kammartige Gebilde ziehen/verteilen, was man vor ihrer Brust sehen kann.

Dann werden die Fäden auf der einen Seite um die Walze gewickelt und müssen auf der anderen Seite durch das richtige Litzenauge sowie das Webblatt gezogen werden. Das Einziehen einer neuen Kette – so nennt man diese Kettfäden – dauert oft mehrere Stunden.  Einfacher sei es, sie an bereits gespannte Kettfäden zu verknoten, als alles neu einzuspannen.

Gerade hat Martha einen klassischen Fischgrätenmuster-Tweed auf dem Webstuhl und lässt sich nicht lange um eine Demonstration bitten. „Es wird laut!“, meint sie, aber das kenn ich ja schon.

Das war wirklich sehr interessant und die Begeisterung, die diese junge Frau für das alte Handwerk ausstrahlt, steckt an, macht Freude. Natürlich kaufe ich auch was und bedanke mich für die wunderbare halbe Stunde. Bleibt nur zu wünschen, dass sich genug Käufer finden. Gerade durch den Brexit hat auch das Geschäft der Three Sisters gelitten. Die Produkte wurde fürs Ausland durch die Steuer teurer und auch nach Übersee versenden sie nicht mehr so viel. Trotzdem kann, wer möchte im Online-Shop etwas bestellen.

Der Kopf ist jetzt erst mal voll und die Beine brauchen Bewegung. Am angesteuerten Übernachtungsplatz kann man noch eine abendliche Wanderung einlegen und so laufen wir noch einmal einen Berg hinauf und schauen hinunter auf den Loch Seaforth, an dem wir heute schlafen werden. Was für ein schöner Tag liegt hinter uns. Ich hoffe auch ihr hatten einen guten Tag und sende liebe Grüße in die Heimat. Kommt gut durch die Nacht.

8 Kommentare zu „Three sisters“

  1. Ich grüße dich, meine liebe Marion.
    Deine Reiseberichte sind wieder unglaublich und einfach nur ZAUBERHAFT 🤗 🙏
    Ich wünsche dir eine weiterhin gute, mit tollen Erlebnissen gefüllte, Entdeckungsreise und guter Erholung … 🍀☀️❤️

  2. Hallo, meine liebste Gabi, ich freue mich, dass du wieder mit auf die Reise gehst und Spaß an meinen Berichten hast. Die Hebriden sind auch einfach wunderschön 🥰 Ich wünsche auch dir einen tollen Sommer und grüße dich ganz herzlich ❤️❤️❤️

  3. Hallo liebe Marion ,
    zu Hause ist alles in bester Ordnung. Also genieße die wunderschöne Zeit mit Luna.
    Die Landschaft ist ja einfach nur herrlich und natürlich die beste Erholung für dich.
    L. G.Christine und Fred

    1. Liebe Christine, schön von euch zu hören und dass alles gut ist 😊 Landschaftlich ist das hier wirklich eine Wonne und wir genießen die Zeit. Liebe Grüße in die Heimat und herzlichen Dank für eure Hilfe ❤️
      🙋🏼🐶🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿❤️

    2. Ich bin einfach immer wieder begeistert, wie gut du sprachlich zurecht kommst und dass du all die unglaublichen Geschichten, die du erfährst, ebenso detailliert notieren kannst. Ich fühle mich immer ein bisschen so, wie mit dabei zu sein! Danke dafür, meine liebe Marion!!! Auch deine Bilder sind wunderschön! Was für eine faszinierende Landschaft. Und dann diese Steinkreise… Gerade bekomme ich den Outlander- Titelsong nicht mehr aus dem Kopf… Liebste Grüße und Umarmung in die Ferne!

      1. Ach naja, es geht natürlich immer noch ein bissl geschliffener, aber ich mach mich schon verständlich- zuhören geht deutlich besser 🤭 Es freut mich, wenn ich mit meinem Blog ein bisschen von der Schönheit vermitteln kann, die mich hier umgibt 🥰 Sei herzlich umarmt und lieb gegrüßt.

  4. Wow, liebe Marion….
    Das ist alles sooooo schön und interessant. Wir hatten in der Europäischen Schule in Luxemburg zweimal Besuch von einem Weberpaar, die mit ihren ratternden Webstühlen anreisten. Wir durften mit unseren Schülern daran angeleitet weben. Daran hast du mich erinnert! Danke dafür!

    Schlaft gut, liebe Grüße Ruth und Lotte

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