Honesty

Wie die Menschen auf der sturmgepeitschten Insel lebten, das kann man sich an der Westküste von Lewis gleich an mehreren Stellen anschauen. Die Schafzucht war jahrhundertelang traditionelle Haupttätigkeit und damit im Zusammenhang auch die Herstellung der berühmten Tweedstoffe. 

Zum Teil bis in die 60er Jahre lebten und arbeiteten die Menschen in den sogenannten Blackhouses, von denen man eins in Arnol besichtigen kann.

Woher der Name Blackhouse kommt, ist nicht ganz klar, doch zwei Ideen stehen im Raum: Einerseits stellt es einen Unterschied zu den später erbauten, oft weiß gestrichenen neuartigen Crofter-Häuschen – den Whitehouses – dar. Andererseits könnten damit auch die vom Torfrauch  rußgeschwärzten Innenräume gemeint sein. Geheizt wurde und wird z.T. auch noch mit Torf. Nicht nur vor den Blackhouses des Museum liegen heute noch große Torfbriket-Haufen. Auch rechts und links der Straße sieht man, das in Gegenwart auch noch Torf gestochen wird. Torf war hier der wichtigste Brennstoff, denn in dieser baumlosen Gegend gab es schlicht keine Alternativen. Ich zwänge mich durch den niedrigen, brusthohen Eingang und mir bleibt fast die Luft weg.

Im Unterschied zu heute gab es in den Blackhouses keinen Schornstein. Das glühende Torfhäufchen in der Mitte des Raumes vernebelt auch heute noch den kompletten Innenraum. Ich frage die junge Frau am Kassenhäuschen, ob das denn nicht gesundheitsschädigend gewesen sei und sie meint: „Ja schon, aber es hatte auch viele Vorteile.“ Der Rauch konservierte das Reetdach und vertrieb Schädlinge. Da man mit den Tieren unter einem Dach lebte, war das sehr wichtig. Außerdem nutzte man den Rauch zum Trocknen und Räuchern von Wolle, Fleisch und Fisch. 

Die Häuser sind zwar nach heutigen Maßstäben nicht bewohnbar, bieten aber doch einige Vorteile:

Die Mauern sind wahre Klimaanlagen. Doppelwandig mit einer Füllung aus Erde und Torf sind sie oft meterdick und schützen ebenso vor Kälte wie vor Hitze, auch Wind hat hier kaum eine Chance. Alle Materialien sind nachhaltig und aus der direkten Umgebung: Feldsteine, Torf, Heidekraut, Treibholz (Bäume gab es kaum) und Roggenstroh.Nach heutigen Gesichtspunkten bekämen sie wahrscheinlich ein Ökosiegel. Das Strohdach musste bei Windgeschwindigkeiten bis 100km/h natürlich gut gesichert werden, was mit einer einfachen Seitkonstruktion und ein paar Steinen, sowie Keilen gut funktionierte. 

Im 19./20 Jahrhundert verschwanden diese typischen Häuser mehr und mehr, weil man den Komfort der neuen Häuser bevorzugte. Eines davon ist hier auch zu besichtigen.

Möchte man noch mehr dieser Häuser sehen, ist das in der Gearrannan Blackhouse Village möglich. Hier kann man sogar für 195 Pfund in einem übernachten. Schön windgeschützt in einem kleinen Tal ducken sich hier gleich mehrere an der Straße zu Bucht entlang. Als in den 70ern der letzte Dorfbewohner die Siedlung verließ, wäre beinahe passiert, was mit so vielen traditionellen Häusern geschah – sie wurden mit ihrem Verfall der Natur zurückgegeben. Doch die Museumsidee erhielt den Ort für die Nachwelt und so kann man durch die alten Gassen wandeln. In einem Haus steht sogar noch ein historischer und voll funktionstüchtiger Hatterslay-Webstuhl, mit dem Tweed hergestellt wird. Ein älterer Herr sitzt dahinter und erklärt die Funktionsweise. Eine Vielzahl an Bauteilen, Rädern, Spannhaken und Klemmen vereint sich hier in einem undurchschaubaren und recht lautem Spiel, wenn die pedalbetriebene Maschine sich in Bewegung setzt.

Besonderes Augenmerkt lenkt er auf eine 10cm langen Stahlstreifen, der mit vier Bohrungen versehen ist. Das sind eine Art Musterkarten, die die Auswahl der Schiffchen mit den verschiedenen Farben  steuern. Mehrere dieser Bleche werden hintereinander sortiert und so entsteht durch die Lochgröße das Muster. Nix mit digital alles Mechanik. Hier mal ein anschaulicher Film von @woveninthebone

Zwischen den beiden Blackhouse-Orten besuchen wir noch die Norse Mill bei Shawbost. Bis in die 30er Jahre klapperten hier noch die Mühlenräder, heute ist neben dem Wind nur noch das Plätschern des Baches zu hören. 1960 begannen Schulkinder mit ihrem Wiederaufbau und 1995 wurde die Restauration vollendet. Mühlen wie diese gab es auf den Äußeren Hebriden zuhauf und da sich ihre Konstruktion im Laufe der Zeit nicht allzu sehr verändert hat, bezeichnet man sie auch als Mühle der Eisenzeit. Ganz allein sind wir an diesem herrlichen Ort und genießen den Ausblick auf die wunderschöne Landschaft.

Auf den angeblich schönsten schottischen Steinkreis, den in Callanais, hab ich keine Lust, weil ich schon von weitem Busse auf dem Parkplatz stehen sehr, vielleicht fahre ich hier ganz früh am Morgen nochmal vorbei, wenn noch alle in den Betten liegen – vielleicht aber auch nicht, weil ich mit Steinkreisen nicht ganz so viel anfangen kann. Dafür umso mehr mit fantastischen Buchten, von denen wir eine jetzt direkt ansteuern. Auf der Halbinsel Bhaltos gibt es davon einige. Wir entscheiden uns für Traigh na Clibhe und finden einen fantastischen Stellplatz direkt am Strand umgeben von grünen Machair und steil abfallenden Klippen. Luna hat allerdings wieder einmal nur Augen bzw. Nase für die vielen Kaninchen, die hier ihr ansonsten unbeschwertes Leben führen. Die Halbinsel gehört übrigens einer Gemeinschaft von 105 Mitgliedern, die sie dem früheren Besitzer abgekauft haben und nun verwalten. Das war in alten Zeiten unmöglich, aber darüber erfahre ich später mehr.

Am Stellplatz gibt es eine Honesty (Ehrlichkeits-) Box und freundlich werden die Übernachtenden um eine Spende zum Erhalt der Landschaft gebeten. Da bin ich doch dabei, beziehe mein Zimmer mit Meerblick und lass es mir bei bestem Wetter gut gehen.

Am nächsten Morgen scheint gerade noch die  Sonne und wir steigen zur Morgenrunde hinauf zum Friedhof vondem aus man den besten Blick über die Bucht hat. Als wir oben ankommen, zieht es sich zu , aber zum Wandern ist das Wetter perfekt. Es gibt einen 10km Rundweg um die ganze Insel und da kann man viel entdecken.

Wir laufen durch den nächsten Weiler, der der Insel den Namen gegeben hat – Bhaltos. Dort hat ein Witzbold kurzerhand seinen Hühnerstall zur Post-Office erhoben. 

Danach kommt der Campingplatz. Wunderschön gelegen und mit sehr viel freiem Platz. Trotzdem steht am Eingang „Fully booked“ und auch unsere Schlafnachbarn hatten gestern erzählt, dass man dort keinen Platz bekommt. Schön, dass nicht alles was kommt hineingepresst wird und es nur um den max. Gewinn geht. Hier hat der Gast und die Natur noch Platz. Witzig auch die kleine fahrbare Sauna am Strand. Hier kann man sich nach dem kalten Atlantic-Bad wieder aufheizen oder umgekehrt.

Am meisten beeindrucken mich die wunderschönen Machair-Wiesen, die hier besonders üppig sind. Zwischen Rotklee, Labkraut, Bärenklau und Wundklee wachsen hier unzählige Orchideen, vor allem der gefleckte Fingerwurz. Alle Kräuter sind auf max. 10cm Höhe begrenzt. Wer hier höher hinaus will, den kappt der Wind.

Weiter gehts zum An Sùileachan Monument. Dies wurde in den 90ger Jahren zur Erinnerung an den Landkampf der Kleinbauern errichtet, die über Jahrhunderte hinweg versucht hatten, das Land, das sie bewirtschafteten auch zu kaufen. Erst im Land Reform Act von 2003 wurde dies  möglich und so können heute Croftergemeinden das Land vom Großgrundbesitzer auch gegen seinen Willen erwerben. Im 19. Jahrhundert wurde man deshalb hier vertrieben oder verhaftet. An diese Menschen soll das Monument erinnern.

Am Wegesrand begegnen mir die Honesty-Boxen in weiteren Varianten: in einer wird Kunst verkauft in der anderen Nahrungsmittel. In der Kunstbox ist sogar ein Kartenlesegerät enthalten, falls das Kleingeld nicht reicht.

Abschlussüberraschung am Wegesrand ist ein altes Fischerboot, dass seine besten Zeiten schon inter sich hat, aber immerhin noch ein gutes Fotomotiv abgibt. Die kleine Galerie in unserer Bucht hat heute leider geschlossen. Ein Künstlerehepaar aus der Nähe von Liverpool hat sich hierher zurückgezogen und widmet sich nun mitten in der Natur seiner Kunst. Aber vielleicht gehören die beiden zu vermietenden Hütte auch zu ihnen.

Es zieht sich was zusammen und wir uns beim aufkommenden Regen zur Mittagspause auf den heute Morgen entdeckten Rastplatz zurück. Da gibt es jetzt erst mal was zu Futtern und dann gibt es da auch Netz für eine Schreibpause.

Liebe Grüße 🐶 👩🏼‍🦳 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿

2 Kommentare zu „Honesty“

  1. Danke für Deine wundervollen Berichte und danke, daß ich wieder dabei sein darf!
    Euch beiden noch tolle Urlaubstage mit vielen neuen Bekanntschaften und ebensolchen Erlebnissen.
    Liebe Grüße von Heike aus Jena

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