R. Smail & Sons

Wir haben einen schönen Stellplatz am Ententeich in Tweedbank gefunden. Von hier aus kann man nacht rechts in Richtung Melrose Abbey, nach links zu Walter Scotts Abbotsford House wandern. Ich entscheide mich für die Abbey, obwohl ich die schon kenne. Da kann ich mich draußen aufhalten, denn ein Event für drinnen hab ich gestern noch ganz spontan gebucht. Ein kleiner Eintrag im Reiseführer hatte mich neugierig gemacht und obwohl ich dafür die 20km nach Innerleithen noch einmal zurückfahren muss, konnte ich darauf nicht verzichten. Ihr dürft gespannt sein.

Doch zunächst wandern wir gemütlich in den Tweed-Auen nach Melrose.

Auch wenn ich immer mal wieder nach den Ruinen der Abtei Ausschau halte, kann ich sie erst im letzten Moment entdecken. Sie gilt als eine der schönsten Klosterruinen Großbritaniens und wurde natürlich auch von Sir Walter Scott – der wohnte ja förmlich nebenan – besungen:

“If thou wouldst view fair Melrose aright,
Go visit it by the pale moon-light;…

Then go—but go alone the while—
Then view Saint David’s ruined pile;
…Was never scene so sad and fair.“ (1805)

Und zack war das Melrose-Fieber entbrannt, passte ja auch irgendwie zur Zeit der Romantik: Ruine, Mondschein, Traurigkeit.

 

Auf das mit Eintritt belegte Ruinenfeld gehe ich nicht noch einmal und schieße nur ein paar Bilder über die Mauer hinweg. Heute lass ich mich lieber verwöhnen und mache den Einkehrschwung zum zweiten Frühstück ins Café mit Abbey-Blick. Luna fliegen wie immer alle Herzen entgegen und ich bestelle mir einen Pancake mit Blaubeeren und mehr. Leeeecker!

Zurück am Wohnmobil haben wir 10km auf dem „Tacho“ und nun wird es langsam Zeit, den Weg zurück nach Innerleithen anzutreten, denn dort warten „Robert Smail & Sons“, ihres Zeichens Buchdrucker auf mich.

Ich betrete pünktlich kurz nach 15:00 den kleinen Laden, in dem Druckerzeugnisse und einige wenige Bücher verkauft werden. Außer mir trudeln noch 5 andere Besucher ein, damit ist die Höchstgrenze erreicht. Und dann betreten wir mit dem jungen Jack eine Art Zeitkapsel. Als der letzte Besitzer Cowan Smail 1986 in den Ruhestand ging, hinterließ er eine seit nahezu 120 Jahren unverändert geführte Druckerei. Statt neue Druckverfahren einzusetzen, benutze auch Cowan bis dahin konsequent Bleisatz und Maschinen die z.T. aus dem viktorianischen Zeitalter stammen, in dem die Druckerei gegründet worden war (1866). Sein letzter gesetzter Satz heißt „Closing Down Sale from Today“ (Ausverkauf ab heute) und ist noch im Original ausgestellt.

Nach 1986 übernahm der National Trust of Scotland die Druckerei und ließ sie unverändert. Hier haben wir es allerdings nicht mit einem reinen Museum zu tun. Noch heute werden auf den alten Maschinen Hochzeitseinladungen, Visitenkarten, Poster und andere Drucksachen hergestellt. In alten Zeiten druckte man hier auch eine Wochenzeitschrift, Bücher, Landkarten, verkaufte Schreibwaren und betrieb zeitweise sogar eine Schiffsagentur. Das Besondere: die Familie Smail bewahrte von fast jedem Druckauftrag ein Exemplar auf. Was für ein riesiges Archiv – es füllt 52 Bände und eine Auswahl zeigt uns Jack,  der in der Werkstatt mitmacht seit er 12 ist, am Anfang der Führung.

Durch Hintertüren über den Hinterhof geht es weiter, vorbei an so vielen Details, dass ich gar nicht so schnell mitkomme, weil ich alles genau anschauen will, bis vor eine Holztür.

Dahinter verbirgt sich ein großes Wasserrad, mit dem bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Energie für die Druckmaschinen produziert wurde. Dazu leitete man über Kanäle das Wasser des Leithen Water unter dem Haus hindurch. In diesem Raum zeigt uns Jack auch einen Lithografiestein, mit dem die Umrandung eines Kalenders gedruckt wurde, der erstmals im Jahr 1876 herausgegeben wurde. Die Lettern für das Jahr und die Tage wurden dann jedes Jahr neu dazwischen gedruckt. Auch für nächstes Jahr gibt es schon ein Exemplar – das natürlich bald an meinem Küchenschrank hängen wird…

Habt ihr euch eigentlich schon einmal gefragt, wie die Linien aufs Schreibpapier kommen? Dafür gab es früher Liniermaschinen. Da wurden die Papierbögen eingespannt und die Linien mit einer Art Kamm – hinten an der Wand hängen viele mit verschiedenen Abständen der Zinken – aufgetragen. So entstanden die Seiten für Kassenbücher, Schulhefte, Notizbücher, Formulare. Für andersfarbige Linien mussten die Bögen ein zweites Mal eingespannt werden. Wie das bei kariertem Papier funktioniert? Na wahrscheinlich zweimal einspannen.

Der tollste Raum ist für mich die Setzerei. 400 Setzkästen sind hier aufbewahrt und um 1910 arbeitetn hier 6 Setzer, die eine siebenjährige Ausbildung hinter sich gebracht haben mussten und die Lettern im Schlaf fanden. Die sind nämlich nach einem bestimmten Prinzip geordnet. Großbuchstaben oben, kleine unten. Großbuchstaben sind fast alle alphabetisch geordnet, kleine nach Gebrauch: wenig gebrauchte am Rand, die anderen in der Mitte. Und jetzt sind wir dran: Jeder bekommt einen Winkelhaken in die linke Hand und soll seinen Namen darauf platzieren. Spiegelverkehrt und auf dem Kopf stehend. Zur Kontrolle dienen Einkerbungen auf der Rückseite jedes Buchstaben, die eine Linie ergeben müssen.

Dann schreitet unser Guide zu der eindrucksvollen Columbia-Handpresse von 1813. Die gusseiserne Druckmaschine aus Philadelphia mit dem Weißkopfseeadler obendrauf, der sich bei jedem Druck hebt und senkt, ist ein wahres Schmuckstück. Damals für 400 Dollar erworben, ist sie heute ca. 200.000 Dollar wert und eine Leihgabe der Gray`s School of Art Aberdeen, an der Jack übrigens Kunst und Design studiert. Darauf werden nun unsere ersten Versuche gedruckt.

Überall im Raum stehen fertig gesetzte Druckformen. Besonders beeindrucken fand ich diese Zeitungsseite. Neben den Lettern, Stegen und den Spann- und Schraubkeilen, die alles so festzurren, dass man den Satz samt Schließrahmen hochheben kann, finde ich die kleinen Bildchen (Klischees) sehr schön. Manche sind quasi die Vorläufer der Emojis, meint Jack. Für so eine Seite  benötigt ein geübter Setzer zwölf Stunden. Wenn da beim Anheben ein Spannkeil nicht hält, dann hat man das große Los gezogen und Tausende Teile poltern auf den Werkstattboden.

Der letzte Raum ist der Maschinenraum. Hier stehen Druckmaschinen verschiedenen Alters aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die älteste im Raum ist die Arab-Tiegelpresse von 1874., auch Muschelschale genannt, weil sie sich wie eine Muschel öffnet und schließt. Betrieben wird sie über ein Pedal und die Bögen müssen per Hand eingelegt werden, was gar nicht ungefährlich ist. Oben auf der Scheibe befindet sich die Druckerschwärze, davor senkrecht der Satz. Die Walzen färben den Satz ein und das Papier wird dagegengepresst.

Die Wharefedale-Druckmaschine von 1886 ist für größere Formate gedacht und die Original Heidelberger Tiegelpresse von 1953 ist die modernste Druckmaschine im Raum. Erfunden 1914 war sie so erfolgreich und in der Technik ausgefeilt, dass sie bis in die 80er Jahre nicht verändert und erst vom Offsetdruck und Computerverfahren abgelöst wurde.

Was für eine wunderbare Führung und welch schützendwertes Kleinod verbirgt sich hier hinter der Fassade. Vom Druck allein kann man heute kaum noch leben, meint Jack, aber für ihn ist das eine großartige Möglichkeit seine Designideen mit solch grandiosen Maschinen umzusetzen. Bleibt zu wünschen, dass es ihm noch lange Freude macht, so leidenschaftlich mitzuwirken. Herzlichen Dank für den schönen Nachmittag.

Der Plan, nach diesem Besuch noch bis zum Hadrians Wall zu fahren scheitert schon in Hawick (gesprochen: Hoik). Am Ortseingangsschild steht: Home of Cashmere?? Das klingt interessant. Außerdem gibt es  einen kostenlosen Stellplatz direkt am Zentrum mit kostenloser Entsorgungsstation für den Dicken, gleich nebenan einen wunderbaren Park fürs Lunchen und, da ich mich ja auf der Themenreise „Textilindustrie“ befinde, noch ein interessantes Museum. Einfach perfekt. Aber damit ich niemanden langeweile, lass die erneuten Ausführungen über Tweed und Strickmaschinen mal weg und sage nur, dass sich der Kurzbesuch gelohnt hat. Aufgefrischt und mit neuen Informationen über Tweed und Cashmere versorgt, fahren wir am Mittag weiter und erreichen am frühen Abend Hadrians Wall. Zwischen den Ruinen von Überwachungs- und Signaltower der alten Römer beziehen wir unser Nachtquartier und schauen ins schöne Land Cumbria.

Kommt gut durch die Nacht

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