Ein Klettband wirft Fragen auf

Starten wir mit einem Rätsel: was ist hier wohl zu sehen?

Aber von vorn:

Die letzte Nacht war nicht so ruhig, wie die fantastische Lage hätte vermuten lassen. Irgendwie verlief zeitweise die Einflugschneise von Heathrow über meinem Schlaflager und gegen 22:00 kamen Autos, parkten und blieben. Zwei Männerstimmen unterhielten sich gleich neben dem Womo. Es wurde dunkel – sie blieben. So unerschrocken, wie ich eigentlich bin, machte ich mir dann doch irgendwie Gedanken. Was wollen diese Typen hier nachts im Dunkeln auf dem Ivinhoe Beacon mitten im Nichts? Da muss ich doch mal gucken. Ich also leise im Dunkeln vor auf den Fahrersitz und durch das Beifahrerfenster gespäht: Da steht der eine Typ mit seiner Stirnlampe und hat ein seltsames Gerät in der Hand. Das sieht aus wie… ja, das ist ein ziemlich großes Teloskop. Sternenbeobachter bei der Arbeit also. Und genau in dem Moment, als ich heimlich ein Foto machen will, dreht er den Kopf in meine Richtung und die Stirnlampe strahlt mir mitten ins Gesicht. Upps, haaha, winke winke…  Da verziehe ich natürlich die lange Belichtungszeit, aber als Dokument meiner Paranoia mag es gelten. Sternenguckern begegne ich sicher lieber als Kriminellen. Letztere heben sich ihren Auftritt allerdings für den Nachmittag auf.

Auch wenn sie nichts Böses im Schilde führen, ist dieses Rumgehample auf „meinem“ Parkplatz bis zum nächsten Morgen gegen 07:00 Uhr nicht gerade schlaffördernd. Auch Luna schlägt des Öfteren an und gegen 04:00 Uhr verzichte ich auf die kühlende Abendluft zugunsten der Ruhe und mache alle Schotten dicht.

Als sie dann endlich vom Platz rollen sind auch wir putzmunter und starten zur Morgenrunde über filmhistorisch bedeutsames Gelände.

Keine 200m von hier haben Harry, Hermine und Rons Familie den Portschlüssel (einen alten Schuh) zur Quidditch Weltmeisterschaft genutzt und wo sind sie angekommen? Auf den Kreidefelsen von Dover.

© der Bilder 2-4: Filmstills aus „Harry Potter und der Feuerkelch“Regisseur Mike Newell (2005). Warner Bros. Pictures.

Wir allerdings genießen erst einmal den kleinen Spaziergang durch den nördlichen Teil des Ashridge Estate.

Langsam gewinnt die Sonne schon an Kraft, also ist heute ein Schattenplatz essentiell. ChatGPT verrät mir, dass die Parkplätze des Ashridge Estate schon offen sind, also hin zum schattigen Plätzchen neben dem Visitor Centre. Beim Frühstück beobachten wir die Hunde und ihre Besitzer – jede fixiert auf ihre Spezies. Auf 2000 ha kann man unter Bäumen wandeln, Eichhörnchen und Rehe beobachten oder einfach die Natur genießen. Nachdem das Anwesen den Earls of Bridgewater gehört hatte, verwaltet es seit 1926, genau seit 100 Jahren, der National Trust (also meinem Verein 😜). Und der kümmert sich um den Schutz von Natur und Wildtieren. Sogar kleine Maschendrahtzelte für Orchideen – in diesem Fall den Violetten Stendelwurz – werden gebaut.

Wir machen uns auf den Weg zum Ashridgehouse, einem Gebäude aus dem Anfang des 19.Jahrhunderts, in dem heute eine Privatuniversität untergebracht ist. Ca. 6000 Studierende können sich hier seit der Gründung im Jahr 1959 mit BWL beschäftigen. Federführend bei der Gründwaren die Firmen Shell, Unilever und Guinness. Vielleicht gibts ja Letzteres auch in der Mensa zum Lunch.

Das Gebäude im neugotischen Stil wurde in den Jahren 1806 bis 1813 erbaut und auch hier haben die Location Scouts gleich mehrfach zugeschlagen: „Der erste Ritter“ mit Sean Connery und Richard Gere, „Harry Potter und der Feuerkelch“ und ein Videoclip von Sam Smith, der hier gleich mal mit Wallerobe im goldenen Hubschrauber landet, wurden am oder im Palast gedreht.

Screenshot aus Sam Smith, I`m not here to make friends

Sogar das Vorbild für die Peitschende Weide des Harry Potter Univerums war im Ashdrige Park zu finden – allerdings in Form einer Buche. Diese ist leider 2014 bei einem Sturm in zwei Teile gespalten und deshalb  nur noch auf einem geklauten Bild verfügbar.

©Wiki Commons

Für heute ist nun aber mal Drehpause angesagt und so lassen wir uns im Innenhof des gemütlichen Bakehouse nieder. Plätze im Schatten gibt es noch und so gönnt sich Luna eine Doggys Icecream und ich ein megaleckeres Chicken-Sandwich. Wasser kann man sich einfach nehmen – wie schön!

Zurück am Womo sind wir platt. Also Nachmittagspause im Schatten. Alle dümpeln so vor sich hin, der Eisverkäufer in seinem kleinen Auto macht das Geschäft des Jahres und als ich in meinem Liegestuhl fast am Wegnicken bin, werde ich durch laute Musik, heftiges Reifenquietschen und zwei heranrasende Autos geweckt. Wie zwei ungleiche Brüder entern sie den Parkplatz: ein großer schwarzer BMW und ein kleine Ford Ka/Ka. Der BMW setzt noch mal zurück und platziert dunkelschwarze Bremsstreifen auf dem Asphalt. Bin ich hier doch versehentlich in ein Film-Set geraten? Dann parken die beiden sauber ein und heraus springen zwei Pärchen Ende Zwanzig. Jungs voller Testosteron, Mädels im Barbielook. Und dann nehmen die doch die Nummernschilder des BMW einfach ab, zack! Die sind nur mit Klettband befestigt und werden im Kofferraum verstaut. Alle Vier zwängen sich in die zweitürige Fußhupe hinein und fahren ganz gechillt und leise und langsam davon??? 

Was für ein Auftritt im Naturschutzgebiet. Ich bin platt, was war das denn? Und das Verrückte: keiner wundert sich, meine liebsten Briten tun so, als wäre nichts geschehen und führen ihre Hunde Gassi. Vielleich übertreibe ich ja, aber Nummernschilder mit Klettband, sowas ist doch komisch, oder? 

Nun gut, da ich ja gestern auch gleich zwei Gesetzte gebrochen habe, gehe auch ich zur Tagesordnung über, starte den Dicken und mache mich auf den Weg zum nächsten Stellplatz nordwestlich von Northampton. Der ist noch schöner als bei park4night beschrieben, aber das erzähle ich euch morgen.

Kommt gut durch die Nacht 

6 Kommentare zu „Ein Klettband wirft Fragen auf“

  1. Was für ein erlebnisreicher, spannender Tag für euch, du bist so couragiert!
    Passt auf euch auf, Gruß aus der Bretagne, wo es fast unerträglich heiß ist, Marietheres

  2. Das ist ja mal ein Auftakt, Marion.
    Passt aber zu dir.
    Und deine Parallelen zu Harry Potter und Co. sind so präsent, erstaunlich, an was du dich erinnerst.
    Weiterhin viele spannende Erlebnisse mit abenteuerlichen, aber harmlosen Leuten, … .
    Werde dich weiter „begleiten“.

    1. Das freut mich, liebe Anne 😊 Aber das Erinnern ist doch eher ein Recherchieren 😂 Da man hier auf Schritt und Tritt über Filmsets wandelt und mich das interessiert, schau ich da schon gern mal nach 🤭
      Liebe Grüße in die Heimat

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