Es ist Ostersonntag und Zeit für „Vom Eise befreit…“ usw. Also packe ich meinen Rucksack und die Walkingstöcke ein und suche mir bei Komoot eine Wanderung aus. Eigentlich war es im einsamen Casentino sehr schön, aber das war mir dann doch ein bissl viel „Gegurke“ auf den engen Straßen, als dass ich es heute gleich noch einmal machen will. Also schlage ich die andere Richtung ein und mache mich auf ins Chianti-Gebiet in Richtung Radda in Chianti. Natürlich ist das auch nicht ohne Serpentinen machbar, aber die Straßen sind wesentlich besser. 30km sind es bis dahin, aber schon nach 25 biege ich rechts ein. Eine alte Abtei, Badia a Coltibuono liegt herrlich im Wald mit einem fantastischen Blick ins Tal. Davor ein Parkplatz und herrliche Ruhe. Nur die Vögel zwitschern und die morgendliche Kühle weht leise heran. Das ist doch was.

Es dauert ein bisschen, bis ich begreife, dass das hier mittlerweile ein Weinressort mit Zimmern und Restaurant ist. Bei Booking kann man hier ab ca. 280,- / Nacht einchecken. Die Gäste schlafen noch, im Restaurant wird gerade eingedeckt und wir laufen unter der 1000-jährigen Zeder rechts neben dem Hotel in den Wald hinein zur Morgenrunde. Der Weg ist unspektakulär, weil es leider kaum Blicke ins Tal gibt. Dafür genieße ich die Ruhe und Luna ihren lang vermissten Freilauf.


Auf dem Weg zurück zur Hauptstrasse entdecke ich ein wunderschönes kleines Restaurant am Wegesrand: L`Avamposto di Coltibuono – der Vorposten Coltibuonos. Kleine quadratische Tische mit rot-weiß-karrierten Decken stehen unter alten Bäumen. Etwas tiefer gelegen eine große Gänseblumenwiese mit weiteren Tischen… alles lädt zum Verweilen ein, aber ich habe gerade gefrühstückt, also weiter.

Radda ist ein kleiner fast 1000 Jahre alter Ort, der hübsch auf einem Hügel zwischen Weinbergen und Olivenhainen thront. Abschreckend allein ist die riesige Lederwarenfabrik am Ortseingang. Wer so etwas hier in dieser herrlichen Gegend erlaubt, hat entweder keinen Sinn für Schönheit oder kann wegen der Dollarzeichen in den Augen schlecht gucken.


Ich bummle ein bisschen durch den Ort, vorbei an der Kirche und dem kleinen Markt und dann gehts hinunter in die Weinberge.

Die Sonne ist schon intensiv und trotz des LSF 50 meiner Sonnencreme sehe ich bald aus, wie eine Tomate… oder kommt das von dem bergaufbergab? Als Einzige wandere ich hier durch den Mittag, alle anderen haben sich in der Osteria verkrochen oder sitzen im Schatten. Ich frag mich, ob hier im Hochsommer überhaupt jemand wandert?
Wie immer in dieser gegend sind aber die Radfahrer sehr aktiv. Aber auch das ist nichts für Anfänger, heißt doch der immer wieder ausgeschilderte radweg „Eroica“ – man muss also schon etwas heroisch sein, um das zu schaffen.




Plötzlich entdeckt Luna am Wegesrand etwas Interessantes. Da sitzt… oder fesser flattert bei Lunas Anblick eine Dole ganz aufgeregt in eimem Käfig herum. Eingesperrt und mit Steinen beschwert scheint sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Lockvogel zu sein. Rechts und links von ihr gibt es noch zwei abgetrennte Abteile, die nach außen hin mit einer Fallenklappe versehen sind. Das arme Dolentier stirbt doch am Herzinfarkt, wenn neben ihr plötzlich ein Marder oder Waschbär eingesperrt ist. Und so binde ich Luna an einem Baum fest, schließße die Falltüren und öffne die Käfigtür. Meister Dole stutzt und braucht eine Weile, um die Situation zu begreifen und all seinen Mut zusammenzunehmen und dann startet er mit weiten Flügelschlägen in die Freiheit.

An einem kleinen See machen wir Pause und Luna geht ihren Bauch kühlen. Dann gehts wieder hinauf nach Radda und ich genieße zum Abschluss noch den weiten Blick von der Stadtmauer in die Chiantiregion hinein.
Jetzt weiß ich, wo ich hin will!! Der „Vorposten“ hält bestimmt etwas Leckeres für mich bereit und so gehts zurück, vorbei am Puncto Panoramico mit einem fantastischen Blick


Über kleine Nebenstrassen entdecke ich noch das kleine Örtchen Vertine. Hier gibt es weder Restaurants, noch Läden. Am Tor sitzen nur drei alte Herrschaften und heben träge die Hand, als ich sie freundlich grüße. Beim Bummel durch die Gassen hallen meine Schritte von den Hauswänden wider und es ist so ruhig, dass nur die Vögel und der Windhauch in den Blättern zu hören sind. Plötzlich aber schreit ein laute italienische Frauenstimme durch die Stille. Ihre drei Freunde springen auf die Mountainbikes und rasen ein abschüssiges Gässchen hinunter auf die Frau zu. Die filmt das ganze mit dem handy, sieht zufrieden aus und vorbei ist der Spuk. Doch schon zwei Minuten später steht eine andere Frau am Tor und baut ihr Handy mit Stativ auf, drückt Aufnahme, rennt durchs Tor, dreht sich um und geht im Modelschritt auf ihr Handy zu. was ist denn hier los? Hab ich was verpasst? Gibt es einen Instahype #Vertine… Zum Glück gibt es nix zu shoppen und meine alten Herrschaften auf den Bank haben bald wieder ihre Ruhe.




Nun aber ab zum Vorposten, denn mein Magen knurrt. Das Lokal hat sich gefüllt, überall sitzen fröhlichen Menschen, oder liegen im Gras, spielen Tischtennis, essen, trinken, schwatzen oder füttern die Pferde. Ja, auch zwei Berittene machen hier Rast und laut Googel soll das Essen einfach aber lecker sein. Ist es! Mir macht die freundliche Bedienung eine Focaccia mit Prociutto von der Keule und richtig tollem Käse, dann gibts noch frische Erdbeeren mit Panna und einen Cappuccino. Köstlich. Mein verstaubtes Auto habe ich so geparkt, dass Luna bei offener Klappe alles sehen kann und dann wird lecker gespeist.




Kommt man in Familia, was die meisten hier tun, bekommt man ein Körbchen mit allem, was bestellt wurde. Die Bedienungen sind freundlich, es wird gelacht und sich über meine paar italienischen Worte gefreut. „Oh“, meint ein Kunde am Tresen, „ihr werden jetzt wohl international?“, als wir uns in Englisch verständigen. ich schaue mich um und tatsächlich sind hier nur Einheimische. Herrlich. Ein Platz zum Verweilen und genießen. Schade, dass ich noch fahren muss, denn das wäre auch für mich der perfekte Platz für ein Glas Wein aus dem Chianti.
Die Reiter satteln die Pferde und auch wir machen uns nun so langsam auf den Heimweg – einfach den Berg hinunterrollen und dann ins Bett: Buona notte!



Ich bin stolz auf dich, dass du die arme Dohle befreit und gerettet hast. Wer tut so etwas? Liebste Grüße
Ein ❤️ für 🐦⬛ und 🐶