Serpentinen

Am Morgen geht es erst einmal ziemlich geradeaus – nach Arezzo sind es 30km, das ist schnell getan und so erreiche ich kurz nach 9:00 den angepeilten Parkplatz nahe am Zentrum. Heute ist die Fiera Antiquaria – ein monatlich stattfindender Antik-Markt. Aber nicht irgendeiner… der älteste und größte Italiens. Groß ist er tatsächlich, das ganze Zentrum ist voller Stände. Rund um den Piazza Grande sind die Gassen und Plätze zugestellt. 

Aber der älteste… da denkt man ja hier auf historischem Boden gleich in Jahrhunderten. Dem ist allerdings nicht so. Der Markt ist  „erst“ so alt wie ich – naja, ob das ein Gütesiegel ist?

Es ist noch frisch und die Sonne steht tief und so lasse ich meine Hundedame im Auto schlafen und bummel durch die Stadt… herrlich!

Dass Arezzo eine lange Geschichte hat, kann man  im historischen Zentrum spüren. Schon zu estruskischer Zeit haben hier Menschen gelebt und auch illustre Personen wie der Dichter Petrarca, der Maler und Architekt Vasari und Guido von Arezzo, mit dem ich mich im Musikstudium beschäftigt habe, weil er die Notenschrift in Europa einführte, erblickten in Arezzo das Licht der Welt. Beinahe hätten – wie an so vielen Orten der Welt – die Bomben des Zweiten Weltkrieges der Schönheit  den Garaus gemacht, aber obwohl 60% der Stadt zerstört wurden, blieb ein Großteil des Ortskerns erhalten. Und so kann ich – welch Glück – heute hier lustwandeln.

Der Piazza Grande ist schräg – und zwar gleich in mehrere Richtungen. Das bringt eine französische Touristin ins Straucheln. Aber er versammelt gleich mehrere fantastische Gebäude. Der von Vasari entworfene Pallazzo delle Logge bereitet  in seiner wunderschönen Loggia einer Vielzahl verschiedener Händler einen Platz zum Verkauf ihrer Waren. Hier lässt es sich auch bei Hitze gut shoppen.

Auf der Treppe neben der wunderschönen Kirchefassade von Santa Maria della Pieve gönnen sich zwei Besucher eine kleine Pause. Unzählige Säulen schmücken dieses Gebäude aus dem 13.Jahrhundert und sind der Blickfang des Platzes. Aber auch die Vorderseite des fast barocken Palastes daneben ist ein Hingucker.

Irgendwann komme ich ganz oben auf dem Prato an, einem großen Park mit Pinien, einer Kirche und einem riesigen Petrarca-Denkmal aus Mussolini-Zeiten. Hier öffnet sich der Blick in die Weite und man kann durchschnaufen. Die Medicifestung spare ich mir und schlendere zurück in Richtung Basilika San Francesco, denn da gibt es etwas zu bestaunen.

Im Hauptchor hinter dem Kreuz, der sogenannten Bacci-Kapelle befinden sich weltberühmte Fresken. Besser gesagt ist das ein Zyklus – man könnte auch sagen ein religiöser Comic – der die Geschichte vom wahren Kreuz erzählt. Das Holz des Kreuzes ist nämlich aus einem Ast des Baumes der Erkenntnis gewachsen und von der Königin von Saba wiedererkannt worden. Als die dann König Salomo prophezeite, dass an diesem Holz ein Herrscher gekreuzigt werde, der das Reich Salomons stürzen würde, ging das Drama los: der Stamm wurde vergraben, versteckt, wieder ausgebuddelt, Kaiser träumten davon usw. Nichts hat geholfen und den Rest der Geschichte kennt ihr ja… denn zufällig ist gerade Ostern.

Piero della Francesca zählt zu den bedeutendsten Malern der Renaissance und ist genau an dem Tag gestorben, an dem Kolumbus Amerika entdeckte. Das Besondere an diesem Bilderzyklus ist die Verwendung der Perspektive, vor allem in den Gebäudedarstellungen, der bewusste Einsatz der Proportionen, damit die Figuren vom Boden aus betrachtet genau richtig aussehen, die Techniken (neben der Freskotechnik hat er hier auch noch andere verwendet), die Farbigkeit, die nach so vielen Jahrhunderten immer noch beeindruckt und die Kunst, eine Geschichte in Bildern zu erzählen. Gut, Letzteres finde ich nicht ganz so gelungen, denn hier geht es ziemlich durcheinander, der Blick muss ständig die Richtung wechseln, erst rechts oben, danach links unten usw…und nicht so bibelfeste Personen finden den roten Faden nie. Aber zum Glück gibt es Audio-Guides (oder zur Not WIKIPEDIA).

Wenn man sich für die Bilder etwas Zeit nimmt, dann ist das echt interessant. Schaut euch z.B. mal die drei Männer an, die den Stamm verstecken sollen. Da hat der Maler drei verschiedene Charaktere (oder wenn ihr wollt: Todsünden) dargestellt. Der erste Mann ohne Unterhose verkörpert die Wollust, der zweite, mit zusammengebissenen Zähnen, den Zorn und der dritte, gut gekleidet und mit Weinblättern gekrönt, die an Bacchus erinnern, die Völlerei.

Oder schaut euch den schlafenden Kaiser Konstantin im Traum an. Der Lichtkegel, den der Engel mit abgeblättertem Hinterteil auf ihn richtet, ist der  verbildlichte Traum.

Und ganz oben kniet die Königin von Saba und erkennt den heiligen Holzbalken. Ich sach ja: Comic !

Nun muss ich mich aber mal ums Lunchen kümmern. Auf dem Rückweg merke ich: es wird voll. Also nix wie weg hier und auf ins Casentino. Das ist sozusagen der Hügel hinter dem Hügel. Von Arezzo gehts 40km in Richtung Nordosten immer am Arno lang, der hier nämlich einen Knick macht und hinter meinem Pratomagno-Gebirgszug aus dem Casentinotal herausgeschlängelt kommt.

Und was kommt nach dem Tal? Wieder ein Berg und hier geht es nun in immerwährenden Serpentinen hinauf zum Franziskanerkloster La Verna am Südwesthang des Monte Penna. Schon von Weitem seh ich durch eine Baumlücke die imposante Lage auf der Felsenspitze, da sich Parken im Serpentinengeschlingel auch bei wenig Verkehr allerdings auch für Fotos nicht so gut macht, klau ich das Foto mal:

geborgt ;), weil Drohne vergessen

Nach einem Parkplatz in luftigen 1128m Höhe läuft man einen kurzen aber wunderschönen Wanderweg bis zum Klostereingang. Schon die Bäume links und rechts muten an, als befände man sich in einer Kathedrale. Überall liegt noch Schnee, aber die Vögel zwitschern und ein Pulli reicht. Herrlich! 

Hier an diesen Ort zog sich der Heilige Franziskus von Assisi am Ende seines Lebens zurück, nachdem er den Berg von einem Grafen geschenkt bekommen hatte. Diente erst nur eine einfache Grotte dem Mönch als Bleibe, entwickelte sich daraus mehr und mehr ein stattliches Kloster in dem auch heute noch Mönche leben. Zwei davon liefen gerade in Sandalen und den typischen brauenen Kutten den Berg hinauf.

Wir bummeln über den Kirchhof, schauen am großen Holzkreuz in die Ferne und genießen die Sonne. Auch hier gibt es eine Loggia mit „Comic“, aber mit Hund darf man nicht hinein und so machen wir uns wieder auf den Rückweg.

Und wieder gehts Serpentinen hinunter ins Tal – das dem armen Tier da hinten nicht schlecht wird…?

Eigentlich wollte ich noch ein bisschen weiter hinter ins Casentino, aber die Schlängellinien und recht schlechte Straßen machen aus 40km eine schier endlose Strecke und so entscheide ich mich dann doch für den Weg nachhause. – Richtig so! – Denn natürlich geht es nochmal hinauf und nochmal hinab, ich muss ja noch über den Pratomagno…

Doch erst gibts am Weg noch eine fantastische Picknick-Badestelle am Arno, die vereinzelt von Paaren und Familien genutzt wird. Auch wir bekommen ein schölnes Stück für uns, dass Luna ausgiebig nutzt.

Gegen 16:00 sind wir wieder zuhause und jetzt brauch ich erst eine Dusche und dann was zu Futtern. Doch warmes Wasser gibts erstmal nicht – der Boiler hat ein Problem. Da sind meine beiden Gastgeber aber sofort auf den Beinen – Feiertag hin oder her… 20 Minuten später steht der Fachmann vorm Haus und sorgt für temperiertes Duschvergnügen. Klasse!

Nun sind auch diese Zeilen verfasst und der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Da bleibt mir nur noch euch ein Buona notte zu wünschen. Kommt gut durch die Nacht!

1 Kommentar zu „Serpentinen“

  1. Super interessant und wunderschön bebildert… Wenn man das Beamen schon erfunden hätte, würde ich mal flink einen Abstecher zu euch machen….
    Und schon wieder ziehe ich meinen Hut, dass du beim Bummel über den Antikmarkt standhaft geblieben bist. Hätte ich nicht geschafft…. Liebste Grüße!

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