Ein Frühstück auf der Parkbank ist schon etwas Besonderes. Langsam erwacht die Stadt zum Leben. In die Stille mischen sich nach und nach die Geräusche des morgendlichen Amiens. Der See liegt ruhig und spiegelt die Umgebung. Ganz hinten erkennt man noch die Spitze der Kathedrale.
Jogger kommen vorbei, ein Mann mit Aktentasche und blauem Hemd genießt den morgendlichen Spaziergang auf dem Weg zum Büro und eine ältere Dame mit Walking Stöcken ist mehr damit beschäftigt, den Müll von gestern Abend in die Mülleimer zu werfen, als sich ihrer sportlichen Betätigung zu widmen. Dann kommt ein junger Typ im neongrünen Shirt und rollt neben dem Wasser zwei Yogamatten aus. Etwas später stößt eine mittelalte, sehr durchtrainierte Frau im neonpinken Shirt dazu und wird von ihm eingewiesen. Ich könnte noch stundenlang sitzen und zusehen, was hier im Park so geschieht, aber ich muss ja in den „Spreewald“.
Tatsächlich fühle ich mich nach Lübben gebeamt. Alte schwarze Kähne fahren lautlos durch schmale Wasserstraßen. Und auch die Männer könnten aus dem Spreewald sein.
Was fehlt ist aber auch eindeutig: keine Gurken, keine Tracht, keine Staken sondern Motor und die sprechen auch nicht sorbisch. Allerdings verstehe ich leider trotzdem kein Wort und muss mich mit den Eindrücken zufrieden geben. Von blumengeschmückt bis verwildert, hier ist alles dabei und ab und zu steht auch mal ein Reiher in den Gärten.
Wir werden ca. 40Minuten durch die schwimmenden Gärten gefahren und auch Luna ist brav mit dabei.
Zurück am Stellplatz heißt es Abschied nehmen von Amiens, der Stadt, in der übrigens Jules Verne geboren wurde. Ihm zu Ehren gibt es hier natürlich auch ein Haus, das ich aber weglasse. Lieber fahre ich noch nach Reims. Das sind 160km, also mal los.
Ich fahre durch flaches Land. Gemüse, Getreide, Landwirtschaft prägen das Bild. Und ab und zu ein Gräberfeld. „Ligne rouge“ steht am Wegesrand. Hier verlief im 1.Weltkrieg die rote Linie – ich würde das mal mit Frontlinie übersetzen. Tausende sind in diesem Landstrich gestorben und auch Reims hat seinen Teil abbekommen, wie ich heute noch erfahren werde.
Backsteindörfchen prägen das Bild. Das Erstaunliche: hier hat jedes Dörfchen noch seine eigene Schule! Unterwegs ein kleines Päuschen am Kanal. Die Enten findet Luna besonders interessant.
Am Stadion in Reims gibt es kostenlose Stellplätze, so die Camperapp. Bis zur Kathedrale sind es dann noch 1,5km, aber das tut nach der Fahrt ganz gut.
Die letze der gotischen Kathedrale auf meiner Wunschliste ist wirklich ebenfalls ein Prachtstück. Hier wurden 25 Könige gekrönt. Seit mehr als 1600 Jahren stehen an dieser Stelle Gotteshäuser. Mit dem Bau des jetzigen wurde 1211 begonnen.


Im 1. Weltkrieg durch Bomben stark beschädigt, brauchte es 20 Jahre für den Wiederaufbau. Am 19.September 1914 schmolzen nach einer Bombardierung der Kirche 400 Tonnen Blei der Dachkonstruktion und richteten Verheerendes an. Plastiken zerfraß es.Die große Rosette wurde durch die Hitze in der Mitte gespalten.
Ein Wunder dass von den zahlreichen Buntglasfenstern ( vier Fensterrosen, 80 Kirchenfenster) überhaupt noch Originale übrig geblieben sind. Von den ehemals 3900 m2 Buntglas sind heute nur noch1500 m2 aus diesem Material. Die große Rose ist zwar restauriert, stammt aber noch aus dem 13.Jhd. Die kleinere darunter wurde 1937 eingebaut.
Diese Fenster stammen von Marc Chagall (1974), haben den Leuten in Reims wohl aber nicht so zugesagt. Ich mag aber seine Farben sehr gern, die Figuren sind allerdings auf die Entfernung nur schwer zu erkennen.
Und sogar ein deutscher Künstler aus Dessau durfte seine Fester beisteuern. Imi Knoebel erschuf sie als Auftragswerk zur 800-Jahrfeier der Kathedrale 2011.Der hat gleich gar keine gegenständliche Darstellungsform gewählt.
Weil ich es mal wieder eilig hatte, hab ich vergessen, sie zu fotografieren. Luna hatte nämlich wieder die berühmte 5-Minuten-Betreuung zweier Mädels vor dem Gotteshaus.

Mich begeistert aber wieder vor allem das Hauptportal. Besonders der lächelnde Engel ist wunderschön und hier auch auf jeder Postkarte zu sehen.


Im Zentrum steht die Figurengruppe der Krönung der Heiligen Mutter Gottes. Viele der Plastiken sind Nachbildungen. Bis zum Jahr 2011 wurde hier viel restauriert, was man am hellen Sandstein der Fassade gut erkennen kann. Das Original dieser Gruppe finde ich im Nachbargebäude, dem erzbischöflichen Palais du Tau.
So sehen die Figuren nach ca. 800 Jahren Wind und Wetter aus. Beeindruckend ist auch der „Goliath-Saal“ in dem Skulpturen der Fassade aufbewahrt werden, die bei der Restaurierung entfernt wurden. Hier sieht man mal, wie riesig die eigentlich sind. Der Goliath aus dem 13.Jhd. stammt vom Hauptportal und ist z.B. 5,40m hoch.

Schaut mal wie klein die Frau zwischen den Riesen wirkt!Im Tau-Palais hielten sich auch die Könige während der Krönungsfeierlichkeiten auf und dementsprechend ist die Raumgestaltung.


Auch im Palais sind Hunde verboten und so muss ich wieder den Schnelldurchlauf wählen. Also das ist wirklich ein Problem! Allein mit Hund und Kultur ist schwierig. Aber ich hab ja einen Kompromiss gefunden.
Das war geballte Ladung für mich und mein Hündchen, deshalb ist an dieser Stelle Abschied angesagt. Auch hier gibt es heute eine Lichtshow- bestimmt genau so toll, aber ich will mir mein Erlebnis von gestern nicht klein machen… und außerdem… Der lange Heimweg ruft. Das Navi zeigt mehr als 700 km bis nach Hause und die wollen gut verteilt sein. Ohne Maut führt uns der Weg an Bouillion vorbei. Erinnert ihr Euch ? Fleischbrühe!! Das kenn ich doch. Und für eine zweite Übernachtung ist das wunderbar geeignet. So landen wir nach den ersten 90km des Heimwegs im kleinen Städtchen am Fluss neben dem Fußballplatz.
Schlaft gut und träumt was Schönes! Jetzt gerade ging über uns ein kurzes Gewitter runter und nun tröpfelt es herrlich aufs Womodach. Gemütlich!😊

Herrlich… Bouillon! 😋 Ich wünsche dir eine gute, staufreie Heimreise, meine liebe Marion… Du hast ja eine prima Beifahrerin…. ☺ Passt schön auf euch auf. Liebe Grüße von eurer Netti