Geduld

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch in seinem Leben eine Aufgabe hat, etwas das er unbedingt lernen soll, also so eine Art Lebenszweck oder -motto. Was also könnte das bei mir sein?

Mut?

Nö, wahrscheinlich wäre noch mehr davon schon Leichtsinn!!

Fröhlichkeit???

Also das reicht für meine Verhältnisse… und für Sarahs schon lange: wenn die sehen könnte, wie ich wieder vor lauter Freude beim Fahren durch dieses herrliche Land alle Coldplay-Songs laut mitgröle, würde sie vor Peinlichkeit im Boden versinken.

Geduld!

Genau! Meine Aufgabe in diesem Leben ist es, geduldig zu werden! Und heute war wieder Boot Camp angesagt!

Aber der Reihe nach: Mein Tagesplan Ring of Beara ist gefasst und so langsam bekommen die Bilder Klischee-Charakter. Ich mag Klischees!


Mein erster Stopp eine Ruine. Hier stand mal das Dunboy Castle, dessen Besitzer durch die weit verbreiteten Kupferminen reich geworden waren. Laut Reiseführer brannte die IRA den Prachtbau 1921 nieder und so stand es viele Jahre als romantische Kulisse in der Gegend herum. Dann fand sich ein Investor mit der Idee, das komplette Gebäude als Hotel wieder aufzubauen, bis irgendwann wahrscheinlich das Geld zu Ende war. Jetzt ist es mit Bauzäunen ummantelt und wieder eine Ruine – eine Investruine.

Daneben lässt die „Black Pearl“grüßen oder was davon noch übrig ist:


Weiter schaukle ich auf den engen Sträßchen in Richtung Dursey Island. Diese verbindet eine Seilbahn mit dem Festland – die einzige in ganz Irland.

Drüben wohnen angeblich nur 3 Einwohner, was allerdings in Anbetracht der Anzahl der dort parkenden Autos seltsam erscheint. Und wie sind die da rüber gekommen? Selbst Schafe nehmen hier die Gondel:



Auf Dursey Island gibt es Wanderwege, seltene Wasservögel und mehr nicht. Die nächste Gondel startet allerdings erst in 2 Stunden und so wandere ich hier eine Runde.


Die erste Geduldsprobe nähert sich  am  km 4 des Rückwegs auf der Einspurstrasse. Bisher hat das Platz gewähren immer super geklappt. Stück zurück oder vor, langsam vorbei, freundliches Gewinke… fertig. Dann aber der deutsche Renter im Womo XXL, der will es wirklich wissen, bis kaum noch was geht… ich klebe schon am Kuhzaun, hab alle Spiegel eingeklappt und die Luft angehalten und der gibt immer noch nicht auf. Da mach ich dann erst mal nix und warte geduldig… und obwohl ich schon das Kratzen des Lacks hören kann… er hats geschafft, und der Lack ist noch dran!

Dann treffe ich erst einmal meilenweit kaum noch jemanden, vor allem keine deutschen Rentner über 2,50m Breite. Da war nämlich gerade ein Schild! 2,50m max. Ja, ich bin 2,55m aber das Thema Schild hatten wir ja schon und umkehren kann ich immer noch. Der Norden Bearas soll besonders schön sein. Und das ist er…

In Eyeries mache ich Pause. Ich brauche Mineralwasser. Das bekomme ich in einem kleinen Laden, in dem die Verkäuferin gerade 3 Jungs auf den Spielplatz verweist und sie damit vom Durchwühlen ihrer Reagal abhalten will. Dann schaue ich bei „Evie’s“ vorbei und bestelle einen Kaffee und ein Käse-Salat-Sandwich. Stellt euch mal so ein Käsebrot mit einem Salatblatt vor und dann bekommt ihr das:


Leeecker!!! Mit richtigem Salat aus Paprika, Tomate, Apfel, Gurke… nur das Kleckern beim Reinbeißen muss ich mir noch abgewöhnen. Auch innen ist es bei Evi super gemütlich:

Die Ladentheke erinnert mich an meinen alten Kaufmannsladen und ein Gemälde vom süßen Örtchen im Abendlicht hängt an der Wand.



Weiter gehts. Mit max. Speed 30kmh. Nur ein paar Bauern ackern oder düngen ihre Felder, 2Womos (deutsche 😊) fahren die Runde mit und ansonsten ab und zu mal ein Eingeborener mit Eingeborenenfahrstil. Aber keine Fahrbahnverengung beendet das Vergnügen. Wusst ichs doch! 😀Über dem Wasser die Berge des Ring of Kerry an der Kenmare Bay – traumhaft!


Der „Dicke“ fängt langsam an zu müffeln. Durch so viele Kuhfladen ist der in seinem ganzen Leben noch nicht gefahren und die Reifenprofile haben sich schon reichlich gefüllt. Kurz vor Lauragh rechts ein Schild: Picknick Area. Toll! Das soll mein Nachtquartier werden! Aber es wird meine heutige Stressprobe. Es geht an einem See entlang, schön hier! Aber kein Platz zum Übernachten! Mehr als eine Stunde suche ich die Gegend ab. Immer schmaler werden die Feldwege. Dann eine falsche Abzweigung und ich ende in der Sackgasse und das heißt in diesem Fall rückwärts fahren! Auf einer Fahrbahn die nun wirklich nicht breiter ist als 2,50m. Mir treten die Schweißperlen auf die Stirn! Aber mit Geduld und Spucke… Geschafft! Ich fahre zurück. Da, ein Angler! Den frag ich doch mal.


Er kommt auch gerade auf die Straße hoch und meint auf die Frage, wo denn die Picknick Area sei: „At the end of the road!“, und lächelt. Prima! Und ist es dort auch groß genug für meinen „Dicken“ „Try it!“ und er lächelt wieder. Okay! Ich versuchs. Ich fahre ans Ende der „Straße“. Das dauert!!! Und so siehts da aus:

geradeaus
und links
und rechts

Kein Picknickplatz weit und breit! Und mein Navi zeigt nur einen einsamen Strich im grünen Nichts! 😳 Was war das eigentlich für ein Lächeln auf dem Gesicht des Anglers???? Der hat mich doch nicht etwa verar……

Da erinnere ich mich an meine Lebensaufgabe! Geduldig drehe ich zum gefühlt 20ten Mal um und sehe nach 6km ein Hinweisschild „Josis Restaurant“ und dazu wird Lakeview versprochen… na dann!

Am Ende Geduld hab ich dann doch so richtig Glück 🍀! „Josi’s“ ist der Knaller!


Ich werde als erster Gast ganz herzlich empfangen, bekomme einen Tisch am Fenster und lass es essensmäßig erst einmal krachen:


Dann frage ich ganz vorsichtig, ob ich denn auf dem Parkplatz über Nacht stehen bleiben dürfe… Aber natürlich! Die Wirtin hat selbst ein Mobilehome im Garten stehen, sie kennt sich aus und auf ihrem Parkplatz sei ich allemal sicherer als im Wald!! Soll ich ihr jetzt um den Hals fallen? 😃😃😃


Das mache ich nicht, aber sie kann mir ziemlich deutlich ansehen, wie sehr ich mich freue… So sitze ich nun beim Abendkaffee mit gut gefülltem Bauch und Lakeview vor „Josi’s“ und bin der mutigste, fröhlichste und geduldigste Mensch weit und breit!

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