Scipione Borghese hatte Glück. Er wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Sein Onkel Camillo Borghese war 1605 gar zum Papst Paul V berufen worden und so war Geld kein Problem für den kunstliebenden Kardinal. Was wir heute Vetternwirtschaft nennen, war damals etwas völlig Normales und trägt die schönere Bezeichnung Nepotismus (von nepos = Neffe). Und so bekam Scipione nicht nur Zugriff auf unheimliche Mengen Geld, sonder wurde auch Kardinal und unter Paul V faktisch der Leiter der Regierung des Vatikans.

Besonders tat sich Scipione als Kunstmäzen hervor, wurde zum Förderer von Michelangelo, Caravaggio und Bernini und ließ die Galeria Borghese erbauen. Dieses Gebäude nutzte er nicht gleichzeitig als Familiensitz, sondern baute es direkt als Galerie und, wie unser fantastischer Guide erklärt, „Partylocation“. Hier wurde Feste gefeiert, während man sich mit der besten Kunst der Zeit umgab.

Tickets gibt es heute keine mehr – alles ausverkauft – das habe ich schon vor knapp einer Woche gemerkt, denn auch da konnte ich nur noch ein ziemlich teures online mit Führung reservieren. Ich werde es nicht bereuen. ☺️

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Die Villa selbst ist eingerüstet und wird saniert, deshalb wieder mal ein geklautes Bild. Gleich zu Beginn der Führung erfahren wir, dass mit Galeria das Haus, mit Villa das Anwesen gemeint ist und das ist in diesem Fall der ganze riesige Park rundherum. In diesem eröffnet der Guide die Führung und erklärt, das alles ringsum keine Originale, sondern Kopien der eigentlichen Statuen sind. Die sind nicht ganz so teuer. Ein fürwitziger Besucher, der einmal hinaufkletterte, um ein Selfie mit Mamorgesicht zu schießen und die Figur dabei beschädigte, musste nur 5000 Euro bezahlen. Das Original hätte er nicht bezahlen können. „Die hier“, sagt der Guide und klopft gegen eine Frühlingsdarstellung, „ist noch preiswerter. Die ist aus Plastik!“

Eine kleine Gruppe von 10 Personen schließt sich mit Kopfhörern unserem jungen Mann an und wir betreten durch eine moderne Lobby das Museum.

Normalerweise interessiere ich mich hauptsächlich für Malerei und lasse die Plastiken links liegen, aber heute schafft es die Tour, mich auch dafür zu begeistern. Gleich in der prachtvollen Eingangshalle steht die erste Mamorstatue von Bernini. 2,55 m hoch raubt hier Pluto mit seinem dreiköpfigen Hund Zerberus die Tochter des Zeus Persephone.

Beeindruckend im Ausdruck der Emotionen, aber auch in der filigranen Darstellung der Details, scheinen die beiden Figuren förmlich zum Leben zu erwachen. Die Finger des Räubers greifen fest zu und drücken sich in die Oberschenkel der Frau. Über das Gesicht Persephones hat sich nicht nur Angst und Schrecken gelegt, auch Tränen rinnen über die linke Wange. Der Stoff, der beide umweht, scheint fast transparent zu sein und die Haare fliegen im Wind. Fantastisch, was Bernini aus einem Block weißen Mamors da geschaffen hat.





Weiter gehts durch die prachtvollen Räume, die mit den kostbarsten und verschiedenfarbigen Mamorarbeiten ausgestattet sind. Auch dies hier ist kein gemaltes Bild, sondern ein Mosaik aus farbigen Mamorstückchen.

Der Palazzo wurde nach Scipiones Lebenszeit noch mehrfach renoviert und umgestaltet und man kann gar nicht alles von der Pracht und überbordenden Schönheit aufnehmen. Wir konzentrieren uns in der Führung auf die wichtigsten Stücke, anders hat man keine Chance. Trotzdem lohnt ein kurzer Blick nach oben.

Weitere Plastiken Berninis begegnen uns in den nächsten Räumen. Hier fliehen drei Generationen: Vater, Sohn und Großvater – Aeneas, Anchises und Ascianus- aus dem brennenden Troja. Aeneas trägt seinen alten Vater auf den Schultern, der eine Keramik mit der Asche seiner Vorfahren bei sich hat. Sein Sohn Ascianus läuft mit dem heiligen Feuer hinterher. Das Thema der drei Lebensalter ist hier ganz deutlich zu erkennen und vor allem im Kontrast der gestalteten Körper umgesetzt: einer athletisch, einer kindlich, einer ausgemergelt, schlaff. Besondere Herausforderung: der Schwerpunkt der Plastik ist oben. Dafür fand Bernini die Lösung in den Umhängen, die das Kind mit sich trägt, sie geben der Statue Stabilität.



Mein Lieblingswerk ist allerdings das nächste: Apoll und Daphne. Die Legende erzählt, dass Eros zwei Pfeile verschoss, weil er von Apoll geärgert worden war: einen goldenen auf Apoll, der daraufhin in leidenschaftlicher Liebe für Daphne entflammte, einen bleiernen auf Daphne, die die Liebe so keineswegs erwiderte. Als der betörte Apoll ihr nun nachstellte, bat Daphne ihren Vater den Flussgott Peneios, sie von dem Körper zu befreien, den Apoll so begehrte. In der Statue fing Bernini nun genau den Moment ein, in dem sich Daphne verwandelt und zwar bei der Berührung Apolls in einen Lorbeerbaum. Aus den Fingern sprießen Zweige, aus den Füßen Wurzeln und unter den Händen Apolls verwandelt sich der Körper in die Rinde des Stammes. Geht man um die Figurengruppe herum erscheint es wirklich so, als fände die Verwandlung eben statt. Emotionen standen zu Berninis Zeit hoch im Kurs, also sind die Gesichter hier im Vergleich zu mancher antiken Statue voll davon. Daphnes Gesicht selbst, so der Guide ähnelt dem einer Operndiva, die gerade eine Arie über ihre Verzweiflung singt. Der Vergleich ist berechtigt, denn Bernini arbeitete auch als Ausstatter an der Oper, neben seinem anderen „Nebenjob“ am Petersdom (von ihm stammt der Hochaltar) und Petersplatz, den er erbaute.







Einen kleinen Eindruck, wie Bernini aussah, wenn er verbissen an seinen Kunstwerken arbeitet, soll seine Plastik vom Stein schleudernden David geben. Die nutzlose Rüstung am Boden ist dieser gerade damit beschäftigt, in voller Konzentration das Geschoss zum entscheidenden Treffer zu schleudern. Das Gesicht spricht Bände


Die letzte Figur steht nicht, sie liegt, ganz bequem auf einer Matratze und die ist täuschend echt umgesetzt, dass man die weiche Unterlage förmlich spürt oder gar berühren möchte. Damit dies nicht geschieht, ist die „Siegreiche Venus“ von Antonio Canova auch mit Seilen als Abstandshalter geschützt.

Diese schöne Dame hier war allerdings die Lieblingsschwester Napoleons, in zweiter Ehe verheiratet mit Camillo Borghese. Einen Skandal löste Pauline Borghese aus, als sie Modell saß für diese Marmorskulptur der »Venus Victrix« (»Venus als Siegerin«; auch genannt »Ruhende Venus«). Ihr Ehemann – so unser Guide – soll daraufhin veranlasst haben, die Skulptur wegzuschließen und zwar für ganze 30 Jahre. Was er nicht wusste: immer wenn er auf Reisen war, öffnete Pauline die Kammer und zeigte den Besuchern das Prachtstück.



Drei Gemälde von Caravaggio sind auch in der Sammlung enthalten. Eins war sehr preiswert, eins als Bitte um Verzeihung geschenkt und eins wurde nie bezahlt.

Ob das grüne Gesicht nun von der Malaria kam, die Caravaggio zu dieser Zeit ans Bett fesselte, stammt oder nach Meinung des Guides an seiner Alkoholsucht lag, bleibt fraglich. Da es eins seiner ersten Werke war, musste Scipione für den „Kranken Bacchus“ wenig bezahlen.
Nicht nur der Alkohol floss beim Meister in Strömen, auch das Messer saß sehr locker und so soll er mindestens drei Menschen auf dem Gewissen gehabt haben. Als er – schon ins Exil nach Neapel verbannt – nun auch noch einen Aristokraten meuchelte, sah es so aus, dass er auch künstlerisch kein Bein mehr auf den Mäzenatenboden bekommen würde. So schickte er Scipione als reuiges Geschenk ein Doppelbildnis seiner Selbst.

Im Bildnis „David mit dem Kopf des Goliath“ hat der Maler sich selbst als junger Mann und als sterbenden Besiegten dargestellt. Caravaggio wollte, so wird vermutet, mit seiner Darstellung als reuiger Sünder den Kardinal bewegen, sich bei seinem Onkel, dem Papst, für seine Begnadigung einzusetzen. Viele halten dieses Bild für sein letztes.
Das letzte Bild in diesem Raum ist wieder eine Maria mit dem Jesuskind und der Magdalena, aber hier haben wir es anscheinend mit echten Menschen zu tun. Magdalena ist eine alte Frau, verhärmt, vom Leben gezeichnet. Maria – im ungewohnten Rot statt Blau – war einigen der Heiligen Männer im Hause Borghese keine Unbekannte. Ihr Gesicht hatte Caravaggio nach dem Modell einer stadtbekannten Prostituierten gemalt. Hier schützt maria ihren Sohn vor der Schlange, die in verschiedener Weise interpretiert wird. Ob es die Reformation für die Katholiken oder das Böse schlechthin sein soll, darf sich jeder selbst überlegen. Konzipiert war es für eine Basilika, hing dann kurze Zeit im Vatikan, aber so recht wohl war es die Kirchenfürsten nicht mit dem Bild. Doch wer wollte schon zugeben, dass er dieses Gesicht kenne, das gesamte Bild wich sehr von der Norm ab. Deshalb ließ man lieber die Finger davon. Scipione, der sich für Frauen nicht interessierte, also auch nicht in Versuchung gekommen war, griff zu und kaufte es – bezahlt hat er es laut unserem Guide nie.

So spannend kann Kunst sein, wenn sie jemand in kleinen Geschichten verpackt, ich war sehr dankbar für diese tolle Tour. Mit Luna drehe ich nun noch eine lange Runde durch die „Villa“ im Sinne von Park und dann machen wir uns auf in Richtung Casal Velino, 4 Stunden in Richtung Süden.




Dort angekommen ist der Frühling in schönster Blüte, wir genießen die Natur, das Meer die Aussicht, die Wärme, das Wandern und eine kurze aber schöne Zeit mit unseren lieben Hoffmann-Hirschs, die ich seit ca. 15 Jahren nicht mehr gesehen habe.
Den nächsten Tag verbringe ich mich Luna am Strand, wir wandern zu Bergspitze hinauf und lassen uns mit Gertraud danach eine Erfrischung im gemütlichen Strandlokal schmecken. Morgen gehts auf die Heimreise. 1600km liegen nach dieser schönen und eindrucksvollen zeit noch vor mir. Ich bin sehr dankbar für all die Erlebnisse und das bisher stressfreie Reisen. Alles war so wunderbar und erfüllend. Mit ein paar letzten Impressionen grüße ich in die Heimat und freu mich schon auf die nächste Runde im Sommer.
Bis dann. Liebe Grüße ❤️








