Luna wird wach, mitten in der Nacht. So ein Geräusch hat sie in den letzten zwei Wochen noch nicht gehört: der Regen trommelt aufs Dach, der Wind pfeift. Und auch am Morgen schaut es noch sehr nach Schlechtwetterlage aus, nix mit frühmorgendlichem, erfrischenden Bad im Meer am feinsandigen Strand. Kaum bekomme ich meine Hundedame bei diesem Sprühregen, der dich sofort bis auf die Haut durchnässt aus der Hütte. Nun machen wir das heut halt anders und ich lege zur Abwechslung mal Wert auf frische Brötchen. Auf dem Weg hierher sind wir an meinem Lieblingssupermarkt vorbeigekommen – WILLY:S. Der hat auch am Sonntag geöffnet. Außerdem hab ich da bestimmt Netz und kann den Post von gestern noch abschicken. So zuckeln wir los und haben noch etwas Zeit, ehe die Tore zum Einkaufsparadies auch zum Sonntag ab 9:00 geöffnet werden.

Also ich finde, dass man das Brot hier gut essen kann und bei WiLLY:S ist es sogar noch warm. Außerdem habe ich eine Hafermilch entdeckt. Mehr aus Versehen landete die in meinem Einkaufswagen – die Barista Edition – extra für den Kaffee. Die gibts auch in Schoko. Jetzt kauf ich nur noch die, weil leeeeecker. Hätte ich echt nicht gedacht.

Draußen alles grau in grau. Das sieht nach einem Fahrtag aus. Wir gondeln gemütlich die E4 in Richtung Süden und ich komme genau bis Hundiksvall, da fällt mir ein, dass in meinem Reiseführer etwas über sogenannte „Bauernschlösser“ stand. Also biege ich rechts in Richtung Delsbo ab und kämpfe mich durch die einsetzenden Starkregenfälle. Da wars an der Küste ja noch auszuhalten. Aber nach 40km, also ziemlich genau Ortseingang Delsbo setzt der Regen aus und die ersten blauen Löcher zerreißen die Wolkendecke. Ich halte in Delsbo Forngård, einem weitläufigen Freilichtmuseum. Nur der hauseigene Caddy steht auf dem Parkplatz… keine Besucher? Ist hier etwa geschlossen. Im kleinen Shop empfängt mich eine alte Dame und weiß auch nicht so richtig Bescheid, als ich frage, was man hier als Eintritt bezahlen muss. Sie mache das nur am Wochenende und ist wohl auch hauptsächlich für das kleine angeschlossene Café verantwortlich. Sie könne aber gern jemanden anrufen, der sei in 10 Minuten da und würde mit mir eine Führung machen. Das ist mir jetzt peinlich. Extra wegen mir, das muss nicht sein. Doch, doch, das solle sie sogar unbedingt machen, wenn ein Besucher käme. Na dann…

Die Zeit vertreibe ich mir in der Bäckerei. Dort wird gerade Tunnbröd gebacken. Hauchdünne Fladen zerschneidet die Bäckerin in grobe Stücke und verpackt sie sorgfältig. Die gibt es in weich und so knäckebrotartig – knackige kommen in Papier-, Labberfladen in Plastiktüten. Ob ich welche mitnehmen möchte, fragt sie mich. Na klar und eine Tüte mit der knackigen Variante wandert in meine Tasche.

Nebenan ist noch eine Fotoausstellung über Folklore-Musik. Wie ich später erfahre, ist Delsbo ein Zentrum der Fiddle-Szene und in jedem Jahr gibt es ein Folk-Festival. Da ist dann hier mehr los.
10 Minuten später lerne ich Lena kennen. Eine 72-jährige fröhliche Frau, die hier die „Schlüsselgewalt“ hat.


Hauptsächlicher Gegenstand der Führung sind drei alte Bauernhäuser, die jeweils ca. 100 Jahre Altersunterschied haben. 16. – 17. – 18.Jahrhundert. Lena erzählt, dass die Menschen hier in der Gegend vom Flachsanbau wohlhabend geworden waren und auch das Selbstbewusstsein der Frauen dadurch gestärkt wurde, weil sie ja mit dem Linnen ihr eigenes Geld verdienten. Und so kam es, dass sie anfingen, ihre Häuser repräsentativ auszugestalten, vor allem mit Malereien.

Hier in der Gegend lebte der Soldat und Maler Gustav Reuter. Er hat sich das Malen selbst beigebracht und 40 Jahre lang die Bauernhäuser ausgestaltet. Die Motive waren die der adligen Paläste, die Umsetzung natürlich einfacher. Entweder direkt auf dem Holz oder auf Leinwänden wurden die Motive gemalt. darunter biblische Szenen, wie Adam und Eva am Apfelbaum oder dekorative Elemente wie Südfrüchte und Blumen.

Außerdem gab es noch ein weiteres typisches Element der Repräsentation: das Küchenbett. Erst dachte ich, hier hätte man die alte und kranke Großmutter am Ofen untergebracht. Aber Lena korrigiert mich. Neben dem Ofen gibt es eine kleine Tür und dahinter ein fensterloses Kabuff im Harry-Potter-Style (ihr wisst schon: Harrys Raum unter der Treppe). „Da hinein kamen die Alten und Kranken, wenn Besuch kam, denn sie waren ihren Familien peinlich.“ Erklärt mir Lena. Unfassbar. Ich dachte unser Umgang mit Alter und Krankheit heute wäre miserabel, aber das…

Dann zeigt sie mir noch das Festzimmer. Es ist typisch für jedes Bauernhaus der Gegend, wird nur für hohen Besuch genutzt und ist natürlich besonders prachtvoll ausgeschmückt. Darin eine Bank mit verstellbarer Lehne. Kam der Besuch und die Sitzfläche zeigte zum Tisch, dann war mit einem Mahl zu rechnen. Zeigte sie allerdings zur Tür, gab es nichts zu essen.

Außerdem steht hier noch eine hübsche Wiege. Die Besonderheit: man kann sie in zwei verschiedenen Richtungen schaukeln (wie, das habe ich auch nicht verstanden). Interessant aber ist, dass man Mädchen anders schaukelte als Jungs und sich dadurch für Menschen, die ein wenig seltsam sind, der Ausdruck eingebürgert hat „Der ist wohl falsch geschaukelt worden.“

Interessantes Detail: am ältesten der Häuser gibt es links und rechts eine „Einliegerwohnung“ mit separatem Eingang, aber ohne Heizung und fließendes Wasser. Das sind die Gesindestuben. Dort lebten helfende Mädchen oder Jungs aus dem Umland fein säuberlich voneinander getrennt, auf der einen Seite der Junge am anderen Ende des Hauses das Mädchen.


Ob ich denn noch die Schule sehen wolle, fragt mich Lena. Aber sicher doch. Bis zum Jahre 1943 war diese Haus für 100 Jahre der Arbeitstag- und Wohnort des jeweiligen Dorfschullehrers. Ein von allen bis heute verehrter Priester hatte damals die Schulpflicht für alle eingeführt, reiste über die Dörfer, um die Bauern zu überzeugen und handelte sich damit sogar einen bedungenen Mörder ein, der es auf ihn abgesehen hatte, weil die Bauern natürlich ihre Kinder lieber auf dem Feld gesehen hätten, so Lena. Alle saßen in einem Raum, es gibt kleine und große Bänke und die Bilder der verblichenen Lehrer hängen noch im Wohnzimmer.

Außerdem mussten alle Kinder durch diesen Raum gehen, um in dann rechts in den Klassenraum zu gelangen. Stellt euch vor, der gestrenge Herr Lehrer sitzt dann jeden Morgen in diesem Schaukelstuhl und kontrolliert, ob die Finger sauber sind… genial gutes Setting.

Dann gibt es noch einen Vorbereitungsraum mit alten Materialien und natürlich den Klassenraum. Da scheint ja eine neue Lehrerin eingezogen zu sein…


Unsere Führung neigt sich dem Ende und ich bedanke mich bei Lena für das interessante Stündchen. Sie kauft sich noch ein Tunnbröd, steigt in ihr kleines Auto und fährt wieder heim. Vorher erzählt sie mir aber noch von den „Bauernschlössern“, die ich mir unbedingt anschauen soll… ach stimmt, wegen denen war ich ja eigentlich da. Viele, die übrigens noch 100 Jahre jünger sind, befinden sich heute in Privatbesitz und können nicht täglich besichtigt werden, denn die Menschen wohnen ja drin. Aber sie gibt mir ein ausführliches Material mit Öffnungszeiten und Bildern aller Häuser, von denen einige zum Unesco Weltkulturerbe zählen. Schaut euch das mal an, da wird man wirklich neugierig:
Ich befreie Luna aus dem Womo, die hatte nämlich eine Pause verdient und schnarcht friedlich auf ihrem Beifahrerthron. Dann kaufe ich mir einen Kaffee und ein Stück Kuchen im Hofcafé. Und blättere das Prospekt der Hälsinghöfe durch. Mittlerweile ist schon 16:00 und die meisten schließen in einer Stunde. Eigentlich sinnlos, da noch hinfahren zu wollen. So kehren wir auf dem netten, kleinen Zeltplatz am See des Ortes ein. Das Womo braucht mal wieder einen „Wellnesstag“ und auch ich freue mich auf eine warme Dusche.
Bei all dem Luxus gibt es heute auch mal wieder ein Luxus-Mahl. Olivenhuhn mit Schafskäse, Ofengemüse und… Tunnbröd – was sonst.

Guten Hunger.


Ach, liebe Marion, das war ja wieder ein interessanter Bericht. Dass du eine so nette Führung erleben durftest, ist echt Klasse. Da ist man schon etwas befremdet, wenn man hört, dass die alten und kranken Leutchen weggesperrt wurden, weil man sich für sie schämte…. Dabei sollte man doch Respekt vor dem Alter haben. Und dann die witzige Erklärung für die Wiege und die Bank. „Falsch geschaukelt“… Herrlich! Dein Essen sah auch wieder sehr lecker aus. Und wenn du gerade in der Nähe wärst und die Bank richtig herum stehen würde, wäre ich glatt vorbei gekommen. Seid lieb gedrückt!