Lummerland

Natürlich halte ich es auf dem Nationalpark-Parkplatz nicht die ganze Nacht aus. Gegen 17:00 fahren wir noch einmal los. 

Die E4 schlängelt sich an der Ostküste entlang und obwohl es nicht eine wie in Deutschland gängige 4-spurige Autobahn ist, kommt man hier gut voran. Max. 100 km/h ist als Womo-Fahrer angenehm, denn keine Raser halten dich für das größte Problem, die gibt es hier nicht. 

Das Ziel ist die Villa Fraxinus auf der Nordingrå-Halbinsel.

In meinem Reiseführer ist die als Pilgerstätte für Gartenliebhaber benannt und da möchte ich natürlich hin. Sogar selbst entwickelten, aus Algen gewonnenen Blumendünger kann man hier kaufen. Der soll Wunder bewirken – so das Internet. 

Als ich um 18:30 ankomme, ist leider schon geschlossen. Im kleinen Restaurant zahlen gerade die letzten Gäste. Ich frage den Besitzer, ob ich auf dem Parkplatz übernachten könne und das ist kein Problem. Er antwortet sogar auf deutsch und sieht aus, wie ein kanadischer Holzfäller, mit grauen Haaren und grauem Bart, ein Mann wie ein Bär, aber seine besten Jahre liegen hinter ihm und er schaut ein bisschen melancholisch in die Welt. 

Wie ein Gartenreich allerdings sieht das hier nicht aus, eher wie eine Holzfällerfarm. Im Eingangsbereich bellen drei große Jagdhunde in einem staubigen Zwinger. Der Aufgang zum Restaurant – etwas verwildert. Das Restaurant selber ist leider auch nicht sehr einladend. Na ja, wer weiß. Wenigstens auf dem Parkplatz hat man einen schönen Blick über die Felder und Wanderwege gibt es hier auch. Da können wir morgen früh noch einen ausprobieren, denn Villa Fraxinus öffnet erst um 11:30 Uhr. Nun erste einmal eine geruhsame Nacht.

Der Morgen beginnt langsam. In der Sonne gibt es ein ausgiebiges Frühstück und dann laufen wir eine ausführliche Wanderrunde durch die völlig ursprüngliche Gegend.

Ein eher heruntergekommenes B&B auf einer kleinen Insel und ein Schild zu einer Silberschmiede sind das Einzige, was hier – keine 3km von der E4 entfernt – an Tourismus erinnert. Eine Schweizerin führt mit ihrer schwedischen Freundin den Hund aus – natürlich kommt man ins Gespräch. Ein älteres Ehepaar werkelt im Garten. Niemand sonst treffe ich in den 2 Stunden rund um das Dorf. Wir kommen, wer hätte das gedacht, an einem See vorbei und gehen über die kleine weiße Brücke auf die Insel. Auch dort treffen wir niemanden.

Nun ist es soweit und wir betreten das Gartenreich. Ein laminierter Artikel einer Gartenzeitschrift hängt im Eingangsbereich und preist das wunderbare Wachstum hier.

Zuerst betritt man das Restaurant und ich schaue mich suchend um. Mit österreichischem Akzent fragt mich ein Mann, ob er mir helfen könne und ich bitte ihn erst einmal um einen Kaffee. Den macht er mir auch ganz schnell und lächelt. Dann kommt der melancholischen Holzfäller aus der Küche und ich frage, was denn die Besichtigung kostet. Er antwortet: „Wir sind im Moment mit dem Zustand des Gartens nicht so ganz zufrieden. Deshalb kostet es nichts…Gehen sie ruhig.“ 

Was ich mir dann anschaue ist ein Trauerspiel. Hier ist nichts gepflegt und in wunderbarem Zusammenspiel. Alles verfällt, verwelkt oder wuchert vor sich hin. Die Gartenmöbel bröckeln und die Teiche vermodern. Alte verbogene kleine Schildchen sind mit den lateinischen Blumennamen versehen, aber oft wächst daneben gar nichts mehr. Die Wege sind schief, die Treppen baufällig und auch die „Villa“ fängt an zu verfallen. Was ist hier los? 

Das Gelände an sich ist wunderschön gelegen. Man kann zu mehreren Aussichtspunkten laufen, alter Baumbestand umschließt alles und als Buddha-Hand geformte Sitze zerbröckeln an den Stellen mit den schönsten Blicken.

Doch leider scheint die den Garten liebende Hand verschwunden zu sein. Und meine Ahnung wird bestätigt, als ich den Österreicher wieder treffe, der mir den Kaffee gemacht hat. „Sieht schlimm aus, oder?“ Ich nicke. „Was ist denn hier passiert?“, frage ich ihn und er erzählt mir die Geschichte vom melancholischen Holzfäller. Die geht so: „Frau weggerannt!“ Viele Frauen, die hierherkommen, halten es nicht lange aus, meint er. Im Sommer, ja da ist alles super, denn die Gegend ist wunderschön. Aber im Winter, wenn es schon mittags dunkel wird, dann bekommen sie Depressionen. Den ersten Winter schaffen die meisten noch, aber ab dem zweiten wird’s schwierig. Hier nebenan – er zeigt nach rechts – wohnt der Horst, dem ist seine nach dem 3.Winter weggelaufen. Aber dort drüben, der Klaus, der ist Multimillionär. Der hat drei Häuser. Eins hier, eins in Florida und eines in Deutschland. Die Frau bleibt. Wir lachen. 

Wohnen sie auch hier?, frage ich. Nein, er sei mit einem Freund zu Besuch, Fahrrad fahren auf der herrlichen Halbinsel und dem Chef helfen, damit nicht alles zusammenfällt. Nun gut, wie helfen sieht das nicht gerade aus. In der rechten Hand hält er einen Liegestuhl, in der linken ein Dosenbier. Er erzählt mir noch, dass der Holzfäller die Villa auch nur wenige Wochen im Jahr öffnet. Ansonsten verkriecht er sich in einer einsamen Hütte im Wald, ohne Strom, ohne Wasser nur mit seinen Hunden und geht auf die Jagd… Oookaaaay, das klingt ja nun auch nicht wirklich nach einem Leben, was Frau sich wünscht.

Ich packe meinen Kram zusammen und erkunde weiter die Halbinsel. Ständig denke ich an „Lummerland“ – ja, genau, so stelle ich mir Lummerland vor. So ein bisschen wie Modelleisenbahn, alles klein und niedlich: kleine Hügel, kleine Seen, kleine Häuser, kleine Boote… An einer – na klar: kleinen – Galerie halte ich an.

Die ist einfach zu hübsch und hat kleine Wimpel und einladende Schilder aufgehängt. Auf einer Hollywoodschaukel im Garten sitzen drei alte Leutchen und als ich den Raum betrete, ist die Künstlerin auch gleich zu Stelle und erläutert mir die Aquarelle. Schön!

Ich fahre weiter nach Norfällsviken

und Böhnhamn. Das sind kleine Örtchen am Meer und jeweils das Ende einer Stichstrasse. Böhnhamn gefällt mir besser.

Ich schlendere eine Runde durch den niedlichen Ort und gönne mir einen Salat im Hafenbistro.

Ständig steht hier an den Straßen das Schild „Löppis“ und jetzt weiß ich, was das heißt: Trödel.

Den Rückweg zum Parkplatz kann man über eine halbstündige Wanderung auf einem Naturpfad antreten. Obwohl ich nur meine Croks anhabe, will ich’s wagen. Schöne Ausblicke auf den Hafen und die Inselchen belohnen die Mühen und auch Luna ist happy, denn wir sind wieder mal allein und somit leinenlos glücklich.

Doch ach, plötzlich fehlt der blaue Punkt, der uns zuverlässig durch das Unterholz geleitet hat. Ich habe mich verlaufen!  Gerade war doch hier noch ein Trampelpfad, jetzt stehe ich mitten im Blaubeermoos, in das ich bis zu den Knöcheln versinke und weiß nicht mehr wie es weitergeht. Luna findet sogar noch einen ausgeblichenen Schädel eines ??? 

Wahrscheinlich ehemaligen Pflanzenfressers, denn am Zahnstand, der noch ziemlich perfekt ist, kann ich keine Reißzähne erkennen. Mein Gott, wenn sich Tiere hierher zum Sterben verziehen, wo bin ich dann hingeraten? Und das auch noch in Schlapplatschen! 

Halb so schlimm. Wozu habe ich mir denn die fantastisch genaue, schwedische „Topo GPS“ App heruntergeladen. Zumindest die Richtung kenne ich jetzt, stehe aber immer noch im weglosen Blaubeermoos. Eine Stunde später der Lichtblick: eine Scheune.

Daneben ein Mähwerk. Dann muss es da auch einen Weg geben, auf dem das Ding hierher gekommen ist. Jupp! Nicht weit weg davon: mein Dicker auf dem Parkplatz. Zum Glück.

Wir gondeln zurück durch Lummerland und an einer Raststätte steht eine Art Willkommensplastik, die meinen Eindruck der Gegend sozusagen in Pappmaschee abbildet. Ich bin schon vorbeigefahren, muss aber noch einmal zurück, um dieses perfekte Abbild der Nordingrå-Halbinsel aufzunehmen. 

Nun noch die technische Meisterleistung der Gegend schlechthin: die Höga Kustenbro, eine der längsten Hängebrücken der Welt mit einer Pylonenhöhe von 180m. Ziemlich beeindruckend.

Am Parkplatz neben der Brücke, aufgereiht wie an einer Perlenkette, parkende Womos. Kleiner Schwatz mit einem deutschen Rentnerehepaar. Die fahren durch bis Lappland und hängen dann noch eine Finnlandrunde dran.  In 5 Wochen. Hut ab!

So jetzt such ich mir noch ein anderes Nachtquartier – denn hier ist mir zu viel los  – und werde am Strand von Smitingen bei Härnösand fündig. Nun Luken dicht und Klappe zu… der Tag war lang, jetzt komm zur Ruh. (Ha, ich kann dichten!) Kommt gut durch die Nacht.

6 Kommentare zu „Lummerland“

  1. Ach, der verwilderte Garten hätte mir auch in der Seele wehgetan. Aber so ist es eben manchmal… An den Trödelmärkten wäre ich wahrscheinlich nicht vorbei gekommen. Danke für die wunderbaren Bilder und einen schönen Tag für euch!

  2. …liebe Marion,
    wenn dich der Österreicher gefragt hätte: Ist hier irgendwo a Geschäfterl???, hätte ich wohl laut lachen müssen. All die interessanten Menschen und Gespräche sind schon fast ein Buch wert. Bin schon auf den nächsten Bericht gespannt.
    Wieder keine Antwort!
    Knöppe zu!
    Ruth

    1. Also jetzt mal eine Antwort 😅 Ich bin in diesem Jahr selbst erstaunt darüber, mit wievielen Menschen ich in Gespräch komme. Ich denke dafür gibt es zwei Gründe: 1. Luna 😊
      2. Die meisten Schweden, egal welchen Alters können Englisch. Das ist in Frankreich anders.
      Ja der Österreicher … 😝

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